Die Glücksspielforschung konzentriert sich vor allem auf problematisches Spielverhalten. Knut Walter und Sebastian Schneider erklären im „SpielStudio”, wie Verhaltensökonomik Spielerschutz und Regulierung weiterentwickeln kann.
Axel Weber spricht im WestLotto-Podcast „SpielStudio“ mit Knut Walter und Sebastian Schneider über Verhaltensökonomik, Glücksspielforschung und neue Ansätze für den Spielerschutz.
Die Glücksspielforschung beschäftigt sich intensiv mit problematischem und pathologischem Spielverhalten. Wie die große Mehrheit der Spieler Entscheidungen trifft, Risiken bewertet und auf unterschiedliche Produkteigenschaften reagiert, ist aus verhaltensökonomischer Sicht dagegen bisher nur wenig erforscht.
Darüber diskutierten Knut Walter, Gründungsgeschäftsführer der Deutschen Stiftung Glücksspielforschung, und Sebastian O. Schneider in einer am Donnerstag, 23. Juli 2026, veröffentlichten Sonderausgabe des WestLotto-Podcasts „SpielStudio“. Schneider leitet die Forschungsgruppe Behavioral Economics and Data Science am Max-Planck-Institut für Verhaltensökonomik in Bonn und ist Preisträger des Deutschen Nachwuchsforschungspreises Glücksspielforschung 2026.
Im Gespräch mit Gastgeber Axel Weber ging es um neue wissenschaftliche Ansätze für den Spielerschutz, bislang ungenutzte Daten, die Offenheit der Glücksspielregulierung für neue Erkenntnisse und die Frage, was die Branche über das reguläre Spielverhalten ihrer Kunden tatsächlich weiß.
Walter sieht eine deutliche Lücke in der bisherigen Glücksspielforschung. Sie komme im Kern aus der Suchtforschung und werde durch soziologische Untersuchungen sowie volkswirtschaftliche Betrachtungen ergänzt. Eine umfassende verhaltensökonomische Untersuchung der Entscheidungen aller Spieler gebe es dagegen kaum.
„Zum normalen Spielverhalten eines nicht pathologischen Glücksspielers wissen wir verhaltensökonomisch so gut wie nichts“, sagte Walter. Diese Forschungslücke ist für die Glücksspielbranche relevant. Auch Spieler ohne problematisches Verhalten treffen Entscheidungen unter Risiko. Sie reagieren auf Gewinne, Verluste, Preise, Gebühren, Quoten, Jackpothöhen und unterschiedliche Formen der Produktgestaltung.
Nach Walters Einschätzung reicht es deshalb nicht aus, ausschließlich zu erforschen, wann und warum Glücksspiel pathologisch wird. Für eine fundierte Regulierung müsse auch besser verstanden werden, wie reguläres Freizeitspiel funktioniert.
Schneider erhielt den Deutschen Nachwuchsforschungspreis Glücksspielforschung 2026. Ausgezeichnet wurde seine gemeinsam mit Matthias Sutter verfasste Studie zu Risikopräferenzen höherer Ordnung. Dabei geht es über die klassische Frage hinaus, ob ein Mensch grundsätzlich risikobereit oder risikoavers ist. Untersucht wird, wie Menschen auf unterschiedlich aufgebaute Risiken reagieren und in welchem Verhältnis mögliche Risiken zueinander stehen.
„Wir haben gezeigt, dass gesundheitsrelevantes Verhalten mit den Werkzeugen der Verhaltensökonomie beschrieben und bis zu einem gewissen Grad vorhergesagt werden kann“, erklärte Schneider im Podcast. Die ausgezeichnete Studie untersuchte allerdings nicht unmittelbar das Verhalten von Glücksspielern. Ihre Bedeutung für den Glücksspielbereich ergibt sich aus der möglichen Übertragbarkeit der verwendeten Methoden und Erkenntnisse.
Die Arbeit war ursprünglich in einem anderen Forschungszusammenhang entstanden. Erst die Ausschreibung der Deutschen Stiftung Glücksspielforschung machte sichtbar, dass die Ergebnisse auch für Spielerschutz und Glücksspielregulierung relevant sein könnten.
Die Risikopräferenzen wurden nicht lediglich über klassische Selbsteinschätzungen ermittelt. Die Teilnehmer mussten sich wiederholt zwischen einer sicheren Zahlung und einer Lotterie mit unterschiedlichen möglichen Ergebnissen entscheiden. Ein Teil der Entscheidungen wurde anschließend tatsächlich ausgespielt und ausgezahlt. Damit hatten die Angaben reale finanzielle Konsequenzen. Dieses Vorgehen soll verhindern, dass Teilnehmer lediglich behaupten, besonders risikobereit zu sein. Wer sich für die riskante Alternative entschied, musste auch mit dem möglichen Ergebnis leben.
Nach Angaben Schneiders lässt sich die Messung innerhalb weniger Minuten durchführen. Gerade diese kurze und zunächst nicht unmittelbar auf Sucht oder problematisches Verhalten bezogene Form könnte für spätere Anwendungen interessant sein.
Im Podcast diskutierten Schneider und Walter, ob die Methode langfristig als Grundlage für ein niedrigschwelliges Screening im Spielerschutz dienen könnte. Ein solches Verfahren könnte Spielern Hinweise auf ihre persönliche Risikoneigung geben, ohne sie unmittelbar mit Fragen nach Spielsucht oder problematischem Glücksspiel zu konfrontieren.
Schneider sah für die Forschung möglicherweise einen Platz als „ganz unschuldiges Screening-Tool“ im Spielerschutz. Ob daraus tatsächlich ein zuverlässiges und wirksames Instrument für den Glücksspielbereich entwickelt werden kann, ist bislang jedoch nicht untersucht. Auch ein fertiges Tool für Anbieter oder Aufsichtsbehörden existiert nicht. Walter berichtete, dass ihn nach der Preisverleihung mehrere Anfragen aus der Anbieterbranche erreicht hätten.
„Die haben gedacht, da ist jetzt schon ein fertiges Tool, das kann ich einsetzen und dann reduziere ich das Risiko im Glücksspielangebot sofort“, sagte Walter. Er habe den Interessenten erklären müssen, dass die Stiftung ausschließlich die wissenschaftliche Arbeit ausgezeichnet habe. Für eine praktische Anwendung wären weitere Forschung, eine Übertragung auf das Glücksspielverhalten und eine Überprüfung der tatsächlichen Schutzwirkung notwendig.
Walter sieht in einem solchen Ansatz eine mögliche Ergänzung der informierten Entscheidung. Bislang werde darunter häufig vor allem das Wissen über das Glücksspielprodukt, seine Regeln und seine Gewinnwahrscheinlichkeiten verstanden. Zu einer informierten Entscheidung könne jedoch auch gehören, dass ein Spieler seine persönliche Risikoneigung besser einschätzen kann.
„Wenn ich zurückgespiegelt bekomme, du hast ein ausgeprägtes Risikoverhalten, dann wäre das eine ganz wesentliche Information für eine informierte Entscheidung mit dem Wissen um die eigene Disponiertheit“, sagte Walter. Ein möglicher Spielerschutzansatz würde damit nicht nur auf allgemeine Warnhinweise oder bereits erkennbares problematisches Spielverhalten reagieren. Er könnte den Verbraucher früher dabei unterstützen, seine eigenen Entscheidungen und Risiken besser einzuschätzen.
Aus Walters Sicht ist die Forschung auch für die Gestaltung der Glücksspielregulierung relevant. Der Gesetzgeber könne nicht davon ausgehen, dass zum Zeitpunkt einer gesetzlichen Entscheidung bereits alle geeigneten Schutzmaßnahmen und wissenschaftlichen Erkenntnisse bekannt seien. „Liebe Freunde in den Parlamenten, wir wissen noch nicht alles“, sagte Walter. Es könne intelligentere Instrumente geben, mit denen Probleme früh erkannt und ihre Entstehung verhindert werden könnten.
Baut eine Regulierung bitte so, dass sie flexibel ist und im Laufe der Zeit auch neue Erkenntnisse einfließen lassen kann.
Neue Ansätze müssten erprobt und anschließend auf ihre Wirkung überprüft werden. Zeige eine Maßnahme positive Veränderungen im Verhalten, könne sie später dauerhaft in den regulatorischen Rahmen aufgenommen werden. Walter forderte deshalb: „Baut eine Regulierung bitte so, dass sie flexibel ist und im Laufe der Zeit auch solche neuen Erkenntnisse mit einfließen lassen kann.“
Für die Evaluierung des Glücksspielstaatsvertrags ergibt sich daraus aus Sicht der GlücksWirtschaft eine zentrale Frage: Ermöglicht der bestehende regulatorische Rahmen, neue wissenschaftliche Erkenntnisse und nachweislich wirksame Schutzmaßnahmen zeitnah aufzunehmen?
Die Verhaltensökonomik steht im Glücksspielbereich nach Walters Einschätzung noch am Anfang. So gebe es kaum Erkenntnisse dazu, wie Spieler auf Preisveränderungen, Gebühren oder unterschiedliche monetäre Anreize reagieren. Bei Lotterien sei zumindest teilweise bekannt, wie sich besonders hohe Jackpots auf die Nachfrage auswirken. Deutlich weniger wissenschaftlich untersucht seien komplexere Bereiche wie das Einsatzverhalten beim Poker, Sportwettenquoten, das Wettverhalten und Kombiwetten.
„Bei so komplexen Dingen wie Pokereinsatzverhalten, Sportwetten, Quoten und Kombiwetten gibt es so gut wie überhaupt keine Erkenntnisse“, sagte Walter. Anbieter können Veränderungen im Kundenverhalten zwar in ihren eigenen Daten beobachten. Damit ist aber noch nicht wissenschaftlich erklärt, warum ein bestimmtes Verhalten entsteht und welche Faktoren dafür verantwortlich sind.
Neue verhaltensökonomische Forschung könnte deshalb nicht nur den Spielerschutz erweitern, sondern auch eine fundiertere Bewertung von Produktvorgaben und regulatorischen Eingriffen ermöglichen.
Walter berichtete zudem von einem größeren Forschungsdatensatz, den die Deutsche Stiftung Glücksspielforschung derzeit aufbauen wolle. Nach seinen Angaben beteiligten sich daran zahlreiche in Deutschland lizenzierte Online-Glücksspielunternehmen. Die Unternehmen sollen Kundendaten für wissenschaftliche Analysen beisteuern und Befragungen ermöglichen. Der Zugang zu solchen Daten sei jedoch mit erheblichen Anforderungen verbunden.
Für Anbieter gehören Kundendaten zu den sensibelsten Unternehmensinformationen. Bevor externe Wissenschaftler darauf zugreifen können, müssen Datenschutz, Vertraulichkeit, Zweckbindung und eine unabhängige wissenschaftliche Nutzung sichergestellt werden. Walter sieht dennoch eine wachsende Bereitschaft zur Zusammenarbeit. Die Diskussion über Schneiders Forschung habe bei einigen Anbietern das Interesse verstärkt, die eigenen Daten für neue wissenschaftliche Fragestellungen zugänglich zu machen.
Der digitale Glücksspielmarkt bietet dafür besondere Möglichkeiten. Online lassen sich zahlreiche Entscheidungen und Interaktionen der Kunden abbilden. Richtig aufbereitet und geschützt könnten diese Daten helfen, tatsächliches Spielverhalten besser zu verstehen und Schutzmaßnahmen auf ihre Wirkung zu überprüfen.
Nach Walters Darstellung kamen konkrete Nachfragen zur möglichen Anwendung der ausgezeichneten Forschung vor allem von Glücksspielanbietern. Vertreter der Aufsicht hätten an der Preisverleihung teilgenommen und die Ergebnisse diskutiert. Direkte Reaktionen aus der Politik habe es dagegen nicht gegeben.
Daraus lässt sich keine allgemeine Aussage über das Interesse von Politik, Aufsicht und Branche an Forschung ableiten. Die Reaktionen zeigen jedoch, dass Anbieter ein praktisches Interesse an Instrumenten haben, mit denen Risiken früher erkannt und Schutzmaßnahmen gezielter eingesetzt werden könnten.
Schneider sieht in der Vermittlung zwischen Forschung und Praxis eine mögliche Aufgabe der Stiftung. Wissenschaftler verfügten nicht immer über die Kontakte oder Branchenkenntnisse, um sämtliche Anwendungsmöglichkeiten ihrer Ergebnisse selbst zu erkennen. „Oft wird vielleicht nicht daran gedacht, dass verhaltensökonomische Forschung interessante Erkenntnisse für ein bestimmtes Problem oder für das Design von Institutionen und Regulierung liefert“, sagte Schneider.
Eine Stiftung könne hier als Vermittlerin auftreten und wissenschaftliche Arbeiten aus anderen Forschungsbereichen für den Glücksspielsektor sichtbar machen.
Im Podcast wurde auch die Frage behandelt, wie unabhängig eine aus dem Glücksspielumfeld finanzierte Stiftung arbeiten kann. Nach Angaben der Deutschen Stiftung Glücksspielforschung soll eine Einflussnahme auf die wissenschaftlichen Arbeiten dadurch ausgeschlossen werden, dass die Stiftung selbst keine Forschungsprojekte nach eigenen inhaltlichen Vorgaben in Auftrag gibt. Prämiert werden bereits abgeschlossene Arbeiten. Über die Preisvergabe entscheidet eine unabhängige internationale Jury. Schneiders Datenerhebung fand bereits vor der Gründung der Stiftung statt.
„Die Idee und die Umsetzung passierten, bevor es die Stiftung gab“, sagte Schneider. Durch das Verfahren, ausschließlich bereits durchgeführte Forschung auszuzeichnen, sei die Arbeit vor einer inhaltlichen Einflussnahme durch die Stiftung geschützt. Die internationale Besetzung der Jury soll darüber hinaus Interessenkonflikte vermeiden und die wissenschaftliche Anerkennung des Preises stärken (Zum Interview der GlücksWirtschaft mit Schneider).
Das Gespräch beschäftigte sich außerdem mit der Frage, warum Spieler illegale Angebote nutzen, obwohl ihnen zusätzliche Risiken wie eine unsichere Gewinnauszahlung oder fehlende regulatorische Kontrolle bekannt sein können. Schneider verwies als mögliche Erklärung auf Modelle des schnellen und langsamen Denkens. Entscheidungen könnten in bestimmten Situationen emotional und kurzfristig getroffen werden, während eine vollständige Bewertung der Folgen in den Hintergrund trete.
Er machte jedoch deutlich, dass seine Studie keine belastbaren Aussagen über die Nutzung illegaler Glücksspielangebote erlaubt. Für eine direkte Übertragung auf Glücksspiel und Schwarzmarktnutzung wären weitere Untersuchungen erforderlich.
Walter ergänzte, dass rationale Kriterien wie Auszahlungssicherheit, Quotenstabilität oder regulatorische Kontrolle bei bereits pathologischem Verhalten an Bedeutung verlieren könnten. Im Vordergrund könne dann die Möglichkeit stehen, ohne wirksame Begrenzung weiterzuspielen. Auch die Schwarzmarktbekämpfung benötigt deshalb mehr Wissen darüber, wie Spieler in konkreten Situationen entscheiden. Ein Vergleich der objektiven Eigenschaften legaler und illegaler Angebote allein erklärt noch nicht, warum sich Verbraucher für ein bestimmtes Angebot entscheiden.
Die Podcastfolge verdeutlicht, dass Spielerschutz nicht ausschließlich über Verbote, allgemeine Warnhinweise und die Reaktion auf bereits problematisches Verhalten diskutiert werden muss. Verhaltensökonomische Forschung könnte helfen, Risikoneigungen besser zu erfassen, Entscheidungen von Spielern genauer zu verstehen und Schutzmaßnahmen gezielter zu entwickeln. Bis daraus praktisch einsetzbare Instrumente entstehen, sind jedoch weitere Studien und Wirksamkeitsnachweise notwendig.
„Wir müssen wieder mehr Vertrauen in wissenschaftliche Integrität und Exzellenz aufbringen, und die entstehen nur über Kooperation“, sagte Walter. Für Anbieter bedeutet dies, Daten unter klaren wissenschaftlichen und datenschutzrechtlichen Bedingungen zur Verfügung zu stellen. Wissenschaftler müssen prüfen, ob sich ihre Methoden tatsächlich auf Glücksspielverhalten übertragen lassen. Politik und Aufsicht benötigen wiederum einen regulatorischen Rahmen, der neue und nachweislich wirksame Ansätze aufnehmen kann.
Schneiders Arbeit liefert noch keinen fertigen Spielerschutzmechanismus. Sie eröffnet jedoch eine zusätzliche Perspektive auf die Frage, wie Menschen unter Risiko entscheiden und welche wissenschaftlichen Erkenntnisse die Glücksspielregulierung künftig berücksichtigen könnte.
Hier geht es zum Podcast „SpielStudio“.
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