19. April 2026
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Online-Glücksspiel: Dänische Regulierung als Vorbild

Regulierung im Fokus: Die Regulierung des Online-Glücksspiels hierzulande ist nicht optimal gelungen. Laut Branchenkennern macht es Dänemark besser. Wir haben Sven Jendrzejek, CEO der lizenzierten Rabbit Group und ausgewiesener Branchenexperte, über die zentralen Unterschiede in den Märkten befragt.

GlücksWirtschaft: Können Sie Ihr Unternehmen kurz vorstellen?

Sven Jendrzejek: Wir haben zwei glücksspiellizenzierte Gesellschaften in der Gruppe. In Deutschland besitzt die Rabbit Entertain IT eine Lizenz für virtuelle Automatenspiele und ist mit den Brands Tigerspin.de, Lapalingo.de, Casumo.de und LordLucky.de aktiv. In Dänemark sind wir mit Winteq Lizenzhalter und betreiben die Webseiten Spildansknu.dk und Spilleautomaten.dk.

GlücksWirtschaft: Was ist gut an der deutschen Regulierung?

Sven Jendrzejek: Gut ist, dass der Markt grundsätzlich reguliert wurde. Das ist hinsichtlich des Spielerschutzes und der Überwachung essenziell. Es gab zuvor bis auf Schleswig-Holstein keine Regulierung des virtuellen Automatenspielmarktes in Deutschland, obwohl der Fiskus bereits vor der Regulierung von den Steuern der Anbieter profitiert hat.

GlücksWirtschaft: Was sind die größten Unterschiede zwischen der dänischen und der deutschen Regulierung des jeweiligen Glücksspielmarktes?

Sven Jendrzejek: Die deutsche Regulierung ist gekennzeichnet von einem sehr restriktiven Rahmen, wie zum Beispiel beim maximalen Wetteinsatz und der Spieldauer pro Spin. In Dänemark gestaltet sich die Regulierung wesentlich praxisgerechter. Allerdings ist zum Beispiel die Kundenansprache in Dänemark sehr strikt geregelt.

GlücksWirtschaft: Inwiefern?

Sven Jendrzejek: Es müssen in einer Werbeaktion immer mindestens 100 Spieler einbezogen sein. Untersagt ist die direkte, individuelle Kundenansprache.

GlücksWirtschaft: Stichwort Spielerschutz: Können Spieler in Dänemark selbst über die Dauer ihrer Sperre bestimmen?

Sven Jendrzejek: Ja, das ist möglich. In Dänemark gibt es wie in Deutschland auch sogenannte Cool Offs. Der Kunde hat die Wahlmöglichkeit zwischen einer kurzen Spielpause von 24 Stunden, einem Ausschluss für mindestens 30 Tage und einem Ausschluss auf unbestimmte Zeit. Ähnlich wie in Deutschland gibt es auch ein Sperrsystem, bei dem sich Spieler für alle Spielformen sperren lassen können.

GlücksWirtschaft: Wie beeinflussen die rechtlichen Rahmenbedingungen ihren Marktauftritt in Deutschland?

Sven Jendrzejek: Natürlich stark. Insbesondere wenn man die Unterschiede zwischen den lizenzierten Anbietern und dem Schwarzmarkt betrachtet. Die eingebauten Pausen und die fünfsekündige Mindestspieldauer mindern die Haptik im Gameplay und den Spielgenuss spürbar. In Dänemark hingegen gibt es diese 5-Sekunden-Regel nicht, um nur einen Aspekt zu nennen. Es ist richtig, dass man Spieler überprüft, ob sie sich dieses Freizeitvergnügen leisten können. Zur Realität gehört auch, dass es High Roller gibt, die andere Spieleinsätze tätigen wollen. Die wurden durch die aktuelle Regulierung (unter anderem maximaler Einsatz von einem Euro pro Spin) quasi komplett aus dem deutschen Markt verdrängt. Mit der derzeitigen Besteuerung von 5,3 Prozent auf den Einsatz ist es dazu fast unmöglich, eine attraktive Ausschüttungsquote zu gestalten.

„In Dänemark gestaltet sich die Regulierung praxisgerechter“

Sven Jendrzejek, CEO der Rabbit Group, ist in beiden Märkten aktiv.

GlücksWirtschaft: Was heißt das in der Praxis?

Sven Jendrzejek: Bei dieser Steuerlast muss die Ausschüttungsquote so stark herabgesetzt werden, dass ein Konkurrieren mit Schwarzmarktangeboten nicht möglich ist. Wir haben bei Lapalingo.de und unseren anderen Brands mit 92 bis 94 Prozent eine relativ hohe Ausschüttungsquote (RTP, return to player), um ein möglichst benutzerfreundliches Spielerlebnis zu bieten. Dies führt zu einem Wettbewerbsnachteil für uns, da die Besteuerung in Deutschland auf den Einsatz stattfindet. Der Schwarzmarkt operiert mit etwa 95 bis 96 Prozent RTP. In Dänemark bieten auch die legalen Anbieter eine Ausschüttungsquote von 96 Prozent. Wichtig dabei ist, dass die Besteuerung in Dänemark nicht – wie in Deutschland – auf den Einsatz, sondern auf den GGR (Bruttospielertrag) erfolgt. Dies ist ein signifikanter Unterschied im Vergleich zur deutschen Regulierung, welcher es den lizenzierten Anbietern ermöglicht, höhere Ausschüttungsquoten anzubieten.

GlücksWirtschaft: Folglich plädieren Sie für eine Änderung der Besteuerung?

Sven Jendrzejek: Das wäre absolut zu befürworten. Mir ist europaweit keine Jurisdiktion bekannt, die den Einsatz besteuert. Ein weiterer Aspekt ist die Höhe der Steuer. Hierzulande haben wir eine Einsatzbesteuerung von 5,3 Prozent. Wenn Unternehmen eine Ausschüttungsquote von circa 90 Prozent anbieten, werden sie bereits mit einer rechnerischen Steuerquote von etwa 50 Prozent belastet. In Dänemark hingegen wurde der GGR bis 2021 mit 20 und seitdem mit 28 Prozent besteuert.

GlücksWirtschaft: Wie unterscheiden sich die Kanalisierungsquoten?

Sven Jendrzejek: Die dänische Behörde gibt eine Kanalisierungsquote von über 90 Prozent für 2024 an. So hoch wird es seit der Steuererhöhung 2021 von 20 auf 28 Prozent nicht mehr sein, aber ich vermute, dass der Grad der Kanalisierung in Dänemark noch immer sehr hoch ist. In Deutschland dürfte die Kanalisierungsquote bei virtuellen Automatenspielen deutlich unter 50 Prozent liegen. Betrachten wir jedoch die Umsätze, ist davon auszugehen, dass weit über 70 Prozent der Umsätze hierzulande im Schwarzmarkt erfolgen.

GlücksWirtschaft: Wie kann die Gemeinsame Glücksspielbehörde der Länder (GGL) dieses Dilemma beheben?

Sven Jendrzejek: Allgemein wissen wir über den deutschen Markt sehr wenig. Die GGL veröffentlicht nicht viele Daten. Wir wissen, dass die Steuereinnahmen sinken. Das ist nicht verwunderlich, da die lizenzierten Anbieter zum Teil 50 Prozent Steuern vom GGR entrichten müssen. Somit können die Angebote in Bezug auf die Attraktivität nicht mit Schwarzmarktangeboten mithalten. Zum einen wünsche ich mir, dass wir verlässliche Gesamtmarktdaten erhalten. Zum anderen fehlt mir ein intensiverer Austausch zwischen Anbietern und der GGL. Hier könnte das Praxiswissen der Anbieter essenziell helfen. Wir wissen, dass die Verbände im Diskurs mit der GGL stehen, aber Arbeitskreise und Workshops mit Anbietern wären für beide Seiten ein Gewinn. In vielen anderen Branchen, wie zum Beispiel Automotive und Airlines, ist es seit Jahrzehnten Usus, dass die zuständige Behörde mit Anbietern Regulierungsfragen in einem offenen Diskurs erörtert. Nur in einer gemeinsamen Zusammenarbeit kann man erfolgreich sein.

Diese Offenheit ist bei der dänischen Behörde vorhanden. Nun ist die dänische Behörde bereits länger aktiv als die deutsche. Es bleibt zu hoffen, dass sich die Offenheit und die Effizienz bei der Behörde in Halle auch ändert, wenn dort die angestrebte Personalstärke erreicht wird. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Genehmigung der Spiele. In Dänemark reichen mittlerweile die Spielestudios ihre Spiele selbst zur Freigabe bei der Behörde ein. Anbieter müssen dann nur noch anzeigen, dass sie ein genehmigtes Spiel in ihr Portfolio aufnehmen. Die GGL könnte durch diese Praxis sehr viel Genehmigungs- und Verwaltungsaufwand einsparen. Hinzu kommt, dass zum Online-Glücksspiel-Angebot in Dänemark auch Live-Casinos gehören. Dies würde ich mir auch für die deutsche Regulierung wünschen.

„Mir fehlt ein intensiverer Austausch zwischen Anbietern und der GGL“

GlücksWirtschaft: Welche Rolle spielt die Personalstärke der Behörden?

Sven Jendrzejek: Diese beeinflusst sowohl die Bekämpfung des Schwarzmarktes als auch die zügige Bearbeitung individueller Anliegen. Die GGL soll nach Abschluss des Aufbaus 110 Mitarbeiter haben. Die hat sie meines Wissens nach noch nicht. Die Danish Gambling Authority (DGA) hat rund 125 Mitarbeiter, davon schätzungsweise 50 für den Slotsmarkt. Der Rest ist für die Bekämpfung des Schwarzmarkts und anderer Spielformen zuständig. Letztlich bleibt die Frage, ob die GGL die Macht besitzt, manche Problemlagen aufzulösen. Der Verwaltungsrat wird von den Bundesländern besetzt. Daher scheint eine Kompromissfindung teilweise schwierig.

GlücksWirtschaft: Haben die Dänen dies mit einer zentralen Bundesbehörde besser gelöst?

Sven Jendrzejek: Wir beobachten in Dänemark kurze Entscheidungswege. Die Behörde trifft Entscheidungen innerhalb kürzester Zeit. Auch bei Bitten zu Einschätzungen bestimmter Problemlagen erhält man von der dänischen Behörde innerhalb weniger Tagen ein Feedback. Unsere Branche verändert sich schnell, daher ist es auch sehr wichtig, dass wir zügig Antworten bekommen. Auch wir als Anbieter könnten dazu beitragen, dass das Know-how der GGL schnell anwachsen kann.

GlücksWirtschaft: Was macht die Spillemyndigheden (dänische Behörde) noch anders als die GGL?

Sven Jendrzejek: Wir sehen, dass die Aufsichtsbehörde in Dänemark den Schwarzmarkt sehr erfolgreich und aggressiv bekämpft. In Deutschland gibt die Gesetzeslage manche Maßnahmen gar nicht her. Man muss nur in den Tätigkeitsbericht 2023 der GGL zurückschauen, welcher vor einem Jahr veröffentlicht wurde. Es gab 129 Strafanzeigen wegen Anbietens/Bewerbens von illegalem Glücksspiel, die seitens der Behörde eingeleitet wurden, alle wurden seitens der Staatsanwaltschaft eingestellt. Hier liegt sicherlich ein riesiges Potenzial. Der GGL stehen scheinbar nicht ausreichende Möglichkeiten zur Verfügung, zum Beispiel IP-Blocking bei illegalen Webseiten anzuwenden. Der Bericht der dänischen Regulierungsbehörde aus dem April 2025 besagt, dass sie 425 illegale Gambling-Webseiten zwischen 2021 und 2023 ausfindig gemacht hat. Die Behörde hat daraufhin 168 Seiten gesperrt. In 2024 hat die dänische Glücksspielbehörde 162 Websites blockiert. Die Behörde kooperiert mit Twitch, Apple, Facebook und Google, sodass Nutzer illegale Glücksspielseiten auf der Plattform leicht melden können. Im vergangenen Jahr initiierte die dänische Behörde außerdem eine Kooperation mit Roblox, um das Phänomen „Robux-Wetten“ zu verhindern.

„Wir beobachten in Dänemark kurze Entscheidungswege“

GlücksWirtschaft: Wie geht die dänische Behörde konkret gegen illegale Anbieter vor?

Sven Jendrzejek: Zuerst werden Betreiber von illegalen Glücksspielseiten kontaktiert und zur Einstellung des Angebots aufgefordert. Erfolgt keine Reaktion, kann die Behörde die Seite per Gerichtsbeschluss sperren lassen, eine polizeiliche Anzeige erstatten oder eine behördliche Anordnung zur Beendigung des Verstoßes erlassen.

GlücksWirtschaft: Warum funktioniert die Regulierung des Online-Glücksspiels in Dänemark offenbar besser als hierzulande?

Sven Jendrzejek: Man hat in Deutschland sehr viel Wert auf den Spielerschutz gelegt. Das ist richtig und gut, nur muss man ein Kernelement beachten. Schwierig wird es dann, wenn Spieler diesen Spielerschutz aufgrund von Attraktivitätseinbußen beim Spiel nicht akzeptieren. Es kann nicht im Interesse der Regulierung sein, eine Ausformung des Spielerschutzes durchzusetzen, die letztlich nur einen Bruchteil der Spieler erreicht.

Anhand der sinkenden Steuereinnahmen ist zu befürchten, dass sich die Abwanderung vieler Spieler in die Illegalität fortsetzt.

In Dänemark hingegen lässt die Regulierung ein attraktives Spielangebot zu und gewährleistet gleichermaßen ein hohes Niveau an Spielerschutz. Hierdurch ist die Konkurrenzfähigkeit zum Schwarzmarkt gegeben und führt somit zu einer hohen Kanalisierungsrate.

„Es ist zu befürchten, dass sich die Abwanderung in die Illegalität fortsetzt“

GlücksWirtschaft: Was erwarten Sie in Zukunft von der Regulierung in Deutschland?

Sven Jendrzejek: Die Bundesregierung will den Schwarzmarkt weiter bekämpfen. Das ist absolut zu befürworten. Zudem sollten die Regulierer sich über die Besteuerungsgrundlage und -höhe Gedanken machen, um einen kompetitiven Markt zu schaffen. Hier muss es eine Balance geben. Wird der Steuersatz erhöht, steigt die Schwarzmarktquote. Das ist weltweit zu beobachten. Hier gilt es, einen guten Mittelweg zu finden. Die Bekämpfung des Schwarzmarkts gelingt nicht allein durch das Blockieren, Sanktionieren und juristische Vorgehen gegen nicht lizenzierte Anbieter. Zwar ist vielen Spielern eine deutsche Lizenz wichtig – doch wenn das legale Angebot durch übermäßige Regulierung an Attraktivität verliert, suchen sie dennoch nach Alternativen. Eine überregulierte Marktgestaltung führt zwangsläufig dazu, dass Spieler dem legalen Markt den Rücken kehren. Wirkungsvolle Schwarzmarktbekämpfung gelingt vor allem dann, wenn das legale Angebot so attraktiv ist, dass Spieler keinen Anreiz mehr haben, abseits lizenzierter Anbieter zu spielen. Genau das bestätigen die Vergleichszahlen aus Dänemark.

„Wird der Steuersatz erhöht, steigt die Schwarzmarktquote“

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