Die ausgezeichnete Forschung von Dr. Sebastian O. Schneider zeigt, dass menschliches Risikoverhalten differenzierter verstanden werden muss als bisher. Begriffe wie „Prudence“ und „Temperance“ eröffnen neue Perspektiven für Suchtforschung, Prävention und Verbraucherschutz.
Die Frage, wie Menschen mit Risiken umgehen, steht im Zentrum vieler gesellschaftlicher Debatten – von Finanzentscheidungen über Gesundheitsverhalten bis hin zu Glücksspiel. Neue Forschung zeigt jedoch, dass die bislang dominierende Sicht auf Risiko zu kurz greift. Dr. Sebastian O. Schneider hat sich diesem Thema gewidmet: Für seine im American Economic Review veröffentlichte Arbeit zu Risikopräferenzen wurde er mit dem Deutschen Nachwuchsforschungspreis Glücksspielforschung 2025/26 geehrt. Die mit 30.000 Euro dotierte Auszeichnung wurde von der Deutsche Stiftung Glücksspielforschung verliehen. Schneider, der am Max-Planck-Institut für Verhaltensökonomik in Bonn forscht, erhielt den Preis für eine gemeinsam mit Matthias Sutter verfasste Studie, die einen neuen Blick auf menschliches Entscheidungsverhalten eröffnet. In einem exklusiven Interview der GlücksWirtschaft mit Dr. Sebastian O. Schneider erläutert der Forscher des Max-Planck-Instituts für Verhaltensökonomik in Bonn seine wissenschaftlichen Erkenntnisse.
Im Zentrum der ausgezeichneten Arbeit „Risk Preferences and Field Behavior: The Relevance of Higher-Order Risk Preferences“ steht die Frage, wie gut ökonomische Modelle tatsächliches Verhalten außerhalb des Labors erklären können. Die Autoren zeigen, dass nicht nur die klassische Risikoaversion eine Rolle spielt, sondern auch sogenannte höherwertige Risikopräferenzen – insbesondere Prudence (Vorsicht) und Temperance (Mäßigung). Diese erweitern das Verständnis von Risiko, indem sie berücksichtigen, wie Menschen mit besonders schwerwiegenden, seltenen oder langfristigen Unsicherheiten umgehen. Die Ergebnisse liefern damit wichtige Impulse für die realitätsnahe Modellierung von Verhalten - etwa im Zusammenhang mit Glücksspiel - und eröffnen neue Ansätze für Prävention und Verbraucherschutz.
Für die Politik und Regulierungsbehörden wie die GGL kann die Arbeit des Wissenschaftlers eine wichtige Hilfe für den Spagat zwischen Marktfreiheit und Verbraucherschutz liefern. Statt allgemeiner Gießkannen-Prävention ermöglicht seine Forschung einen evidenzbasierten Ansatz: Präventionsmaßnahmen könnten für Personen mit geringem Risiko kurz und bündig gehalten werden, während gefährdete Gruppen gezielter und intensiver informiert werden. Ob diese Präferenzen lebenslange, stabile Persönlichkeitsmerkmale sind oder sich gezielt beeinflussen lassen, ist aktuell Gegenstand weiterer Untersuchungen am Max-Planck-Institut.
Hinter scheinbar alltäglichen Entscheidungen – etwa ob wir Geld anlegen, Risiken eingehen oder gesundheitsschädliches Verhalten vermeiden – stehen komplexe Präferenzen im Umgang mit Unsicherheit. Die wirtschaftswissenschaftliche Forschung hat lange vor allem die klassische Risikoaversion betrachtet, also die generelle Abneigung gegen unsichere Ergebnisse. Neuere Ansätze gehen jedoch darüber hinaus und untersuchen sogenannte höherwertige Risikopräferenzen, die ein deutlich differenzierteres Bild menschlichen Verhaltens zeichnen. Dazu zählen insbesondere Prudence (Vorsicht) und Temperance (Mäßigung), die beschreiben, wie Menschen mit extremen oder langfristigen Risiken umgehen. Diese Konzepte helfen nicht nur, wirtschaftliche Entscheidungen besser zu verstehen, sondern liefern auch wertvolle Einblicke in gesundheitliches Verhalten und potenziell problematische Gewohnheiten wie exzessive Smartphone-Nutzung oder Glücksspiel.
Prudence und Temperance lassen sich als Präferenzen gegenüber Risiken beschreiben, deren Auswirkungen nicht nur kurzfristig, sondern auch noch in der Zukunft – morgen, in einigen Monaten oder Jahren – relevant sind. Temperance bezieht sich dabei auf die Abneigung, mehrere extreme, wenn auch seltene, negative Ereignisse gleichzeitig zu riskieren. Ein anschauliches Beispiel ist die Entscheidung, die gesamte Altersvorsorge in Aktien des eigenen Arbeitgebers zu investieren: Im Fall einer Insolvenz würden gleichzeitig das Einkommen und die Altersvorsorge wegfallen. Eine temperate Person vermeidet solche gebündelten Risiken, und je stärker diese Präferenz ausgeprägt ist, desto größer ist die Abneigung dagegen. Prudence hingegen beschreibt die Tendenz, Risiken mit potenziell besonders gravierenden negativen Folgen zu meiden - etwa den Kauf eines Baugrundstücks in einem Hochwassergebiet. Je ausgeprägter die Vorsicht, desto stärker wird versucht, solche Risiken zu umgehen, beispielsweise durch einen größeren Abstand zum Fluss. Ähnlich verhält es sich bei Gesundheitsrisiken, bei denen mögliche negative Konsequenzen die wenigen positiven Effekte deutlich überwiegen.
Die klassische Risikoaversion greift zu kurz, wenn es darum geht, solches Verhalten zu erklären. Sie beschreibt im Kern die Abneigung gegenüber Schwankungen bei meist symmetrischen Risiken, wie etwa einem Münzwurf, bei dem Gewinn und Verlust gleich wahrscheinlich und gleich groß sind. Viele reale Entscheidungen wie zum Beispiel das Rauchen folgen jedoch keinem solchen ausgeglichenen Muster. Die potenziellen Schäden, wie schwere Krankheiten, sind erheblich größer und langfristiger als der kurzfristige Nutzen. Deshalb ist nicht zu erwarten, dass klassische Risikoaversion dieses Verhalten angemessen abbilden kann.
Die Untersuchung von Prudence und Temperance liefert auch neue Perspektiven auf problematisches Verhalten. Studien zeigen beispielsweise einen Zusammenhang zwischen geringer Prudence und gesundheitsschädlichen oder suchtähnlichen Verhaltensweisen. So geht eine geringere Ausprägung von Vorsicht mit stärker problematischer Smartphone-Nutzung einher, die bereits suchtartige Züge annehmen kann. Da solche Verhaltensweisen neurologisch ähnliche Mechanismen aktivieren wie Glücksspiel, lassen sich Parallelen ziehen: Verhaltensbasierte Süchte sind oft miteinander verknüpft und folgen vergleichbaren Mustern.
Ein vielversprechender Ansatz besteht darin, solche Präferenzen zur Früherkennung problematischen Verhaltens zu nutzen. Zwar steht ein direkter Test für Glücksspielverhalten noch aus, doch erste Ergebnisse zeigen, dass sich suchtähnliche Muster bereits mit kurzen, standardisierten und intuitiven Verfahren identifizieren lassen. Schneider hat eine Methode entwickelt, mit der dieses Risikoprofil in weniger als zwei Minuten durch einen intuitiven Test ermittelt werden kann. Das ermöglicht, Gefährdungen frühzeitig zu erkennen, ohne dass die Betroffenen den Test sofort als „Suchtprüfung“ wahrnehmen.
Für Präventionsmaßnahmen könnte dies bedeuten, stärker zu differenzieren: Personen mit geringem Risiko profitieren möglicherweise von kurzen, prägnanten Informationen, während bei stärker gefährdeten Gruppen intensivere und gezieltere Maßnahmen sinnvoll sind. Neue Methoden zur Messung von Risikopräferenzen könnten dabei helfen, diese Gruppen besser zu identifizieren und Maßnahmen entsprechend anzupassen.
Ob sich solche Präferenzen gezielt verändern lassen, ist derzeit noch Gegenstand der Forschung. Erste Hinweise deuten darauf hin, dass bestimmte Präferenzen wie soziale Einstellungen oder Geduld durchaus beeinflussbar sind, auch wenn sie insgesamt relativ stabil bleiben.
Für Politik und Regulierung ergibt sich daraus die Herausforderung, ein Gleichgewicht zwischen Marktfreiheit und Verbraucherschutz zu finden. Ein vielversprechender Weg liegt in einem kontinuierlichen, datenbasierten Ansatz: Maßnahmen sollten regelmäßig überprüft und anhand neuer Erkenntnisse angepasst werden. Die zunehmende Verfügbarkeit großer Datenmengen bietet dabei die Chance, fundierte und evidenzbasierte Entscheidungen zu treffen. Besonders wirksame Präventionsansätze sollten gezielt weiterverfolgt und ausgebaut werden.
Hier geht es zum Exklusiv-Interview der GlücksWirtschaft mit Dr. Sebastian O. Schneider.
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