5. September 2026
Veröffentlicht am

Exklusiv-Interview mit Preisträger Nachwuchsforschungspreis Glücksspielforschung

Im Exklusiv-Interview mit der GlücksWirtschaft erklärt Dr. Sebastian O. Schneider vom Max-Planck-Institut für Verhaltensökonomik, warum klassische Risikoaversion viele reale Verhaltensmuster nur unzureichend erfasst.

Exklusiv-Interview mit Preisträger Nachwuchsforschungspreis Glücksspielforschung 2025/26 Dr. Sebastian O. Schneider

Preisträger Dr. Sebastian O. Schneider (l.) und Jurymitglied Dr. Kahlil Simeon-Rose.

Das Exklusiv-Interview der GlücksWirtschaft mit Dr. Sebastian O. Schneider vom Max-Planck-Instituts für Verhaltensökonomik in Bonn im Wortlaut:

GlücksWirtschaft: Ihre Arbeit zu Risikopräferenzen wurde im renommierten American Economic Review veröffentlicht. Können Sie für unsere Leser – jenseits der Fachterminologie – zusammenfassen: Was genau sind „höherwertige Risikopräferenzen“ wie Prudence und Temperance?

Dr. Schneider: Ich beschreibe Prudence und Temperance gerne als Präferenzen zu Risiken, die so groß sind, dass sie auch morgen, übermorgen und in einigen Monaten oder Jahren noch von Relevanz sind. Temperance bezieht sich auf die Vermeidung angehäufter extremer (also weniger wahrscheinlicher) Ereignisse bzw. die Abneigung gegenüber derartiger Risiken - wenn Sie beispielsweise Ihre gesamte Altersvorsorge in Aktien ihres Arbeitgebers halten, haben sie bei Insolvenz direkt zwei extreme Ereignisse gepaart (Arbeitseinkommen fällt weg UND Altersvorsorge fällt weg). Jemand, der temperate ist, macht so etwas nicht; und je mehr diese Präferenz ausgeprägt ist, desto größer ist die Abneigung gegenüber solch einem Risiko. Prudence bezieht sich in etwa darauf, Risiken mit extrem schlechten Resultaten zu vermeiden - wenn Sie beispielsweise einen Bauplatz direkt im Hochwassergebiet kaufen. Jemand, der prudent ist, macht so etwas nicht, und je mehr diese Präferenz ausgeprägt ist, desto größer ist die Abneigung gegenüber solch einem Risiko (und desto größer wird dann vielleicht der Abstand des Bauplatzes zum Flusslauf). Auch Gesundheitsrisiken oder die Risiken, die mit einem gewissen gesundheitsrelevantem Verhalten einhergehen, sind oft derart, dass es eigentlich nur negative Konsequenzen gibt und kaum positive. 

GlücksWirtschaft: Bisher konzentrierte sich die Forschung oft nur auf die klassische Risikoaversion. Warum greift dieses Modell zu kurz, wenn es um echtes menschliches Verhalten geht?

Dr. Schneider: Die klassische Risikoaversion beschreibt eigentlich nur, inwiefern ich Schwankung bei in der Regel symmetrischen Risiken ablehne. Also vielleicht ein Münzwurf - da kann ich gleichviel gewinnen wie verlieren, und im Schnitt ist es eigentlich egal, was ich tue. Ich mag es, oder ich mag es nicht. Wenn ich z.B. durch Rauchen meine Gesundheit aufs Spiel setze, dann hat dieses Risiko kein ausgewogenes Profil: Die negativen Konsequenzen (z.b. Krebs) sind viel größer und anhaltender, als die positiven (weil ich das etwa im Moment genieße). Das ist also überhaupt nicht symmetrisch. Und insofern ist auch nicht zu erwarten, dass Risikoaversion dieses Verhalten, das ein ganz anderes Risikoprofil aufweist, gut beschreiben würde. 

GlücksWirtschaft: Inwiefern helfen Ihre Erkenntnisse das Verhalten von Spielern an Geldspielgeräten oder bei Online-Wetten besser zu verstehen?

Dr. Schneider: Wir sehen in unserer Studie ganz konkret, dass Prudence und gesundheitsrelevantes Verhalten miteinander in Verbindung stehen. Und wir sehen auch die Kehrseite: Je weniger prudent, desto höher ist problematisches Smartphone-Verhalten, das bereits Suchtcharakter hat. Problematisches Spielverhalten und problematisches Smartphone-Verhalten sind sich durchaus ähnlich, es werden dieselben Areale im Gehirn angesprochen, und Studien zeigen auch bereits, dass diese “verhaltensbasierte” Süchte miteinander verwoben sind. 

GlücksWirtschaft: Könnten Ihre Ergebnisse dazu führen, dass wir problematisches Spielverhalten früher als bisher erkennen?

Dr. Schneider: Dieser konkrete Test steht noch aus, aber wir zeigen eben eine neue Methode auf, mit der verhaltensbasierte Sucht am Beispiel von problematischem Smartphone-Verhalten identifiziert werden kann. Und das eben standardisiert und in weniger als zwei Minuten mit einem sehr intuitiven Test, der auch nicht unbedingt vermuten lässt, dass er Erklärgehalt bzgl. problematischem Verhalten hat. 

GlücksWirtschaft: Wie müssten Präventionsmaßnahmen gestaltet sein, um Menschen mit problematischem Suchtverhalten effektiv zu erreichen?

Dr. Schneider: Ich bin kein Suchtberater, aber ich würde vermuten, dass es helfen würde, diese Maßnahmen kurz und wenig ausufernd zu gestalten für diejenigen, die ein geringes Risiko haben, und entsprechend denjenigen mehr Informationen zukommen zu lassen, die etwas problematischer einzustufen sind. Ich denke, dass unsere Methode hier besonders hilfreich sein könnte. 

GlücksWirtschaft: Kann man Präferenzen für dieses Suchtverhalten beeinflussen, oder handelt es sich dabei um stabile Persönlichkeitsmerkmale?

Dr. Schneider: Da sind wir gerade daran, das zu erforschen. Bei manchen Präferenzen scheint das zu gehen, obwohl sie im Großen und Ganzen durchaus stabil sind, etwa bei sozialen Präferenzen, oder auch Zeitpräferenzen (Geduld). Fragen Sie mich gerne in ein, zwei Jahren nochmal!

GlücksWirtschaft: Welchen Rat können Sie zum Beispiel der GGL oder Politikern geben, den Spagat zwischen Marktfreiheit und Verbraucherschutz zu meistern?

Dr. Schneider: Ich denke, dass der Ansatz der Deutschen Stiftung Glückspielforschung da tatsächlich in die richtige Richtung geht. Ständig hinterfragen, ständig schauen, was man besser machen kann und wo Handlungsbedarf besteht. Die Daten und die Datenmengen, die seit diesem Jahrzehnt erstmals in großem Stil analysierbar sind, sollten helfen, das auf eine evidenzbasierte Basis zu stellen. Und wenn es lohnenswerte Ansätze für die Prävention gibt, ist es sicher sinnvoll, diese ganz besonders zu verfolgen. 

GlücksWirtschaft: Vielen Dank für Ihre Einblicke!

Hier geht es zu weiteren Einblicken und der Frage wie Menschen mit Risiken umgehen. Begriffe wie „Prudence“ und „Temperance“ eröffnen neue Perspektiven für Suchtforschung, Prävention und Verbraucherschutz.

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