Neue Daten zur Glücksspielsucht: Eine forsa-Studie zeigt bei vergleichbarer Methodik seit 2019 keinen deutlichen Anstieg problematischen Glücksspielverhaltens.
Stabile Werte: Der forsa-Glücksspielsurvey 2026 weist mit der SOGS-Methode insgesamt 0,65 Prozent problematische beziehungsweise wahrscheinlich pathologische Glücksspielende aus. 2019 lag der vergleichbare Wert bei 0,73 Prozent.
Methodenwechsel entscheidend: Die häufig genannten 1,3 Millionen Menschen mit Glücksspielstörung aus dem Glücksspielatlas 2023 beruhen auf einer anderen Erhebungs- und Messmethode und sind nicht direkt mit den BZgA-Zahlen von 2019 vergleichbar.
Auch DSM-5 zeigt keinen Anstieg: Innerhalb der seit 2021 verwendeten DSM-5-Reihe lagen die Werte bei 2,3 Prozent im Jahr 2021, 2,4 Prozent 2023 und 2,2 Prozent 2025.
Eine neue forsa-Studie belegt, dass die Glücksspielsucht in Deutschland in den vergangenen Jahren nicht explosionsartig angestiegen ist. Das hatte der Glücksspielatlas 2023 nahegelegt. Er sorgte mit einer dramatischen Zahl für Aufsehen. 1,3 Millionen Menschen in Deutschland sollen von einer Glücksspielstörung betroffen sein. Der Glücksspielatlas machte aus 429.000 Betroffenen, die die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) zuvor gemessen hatte, plötzlich 1,3 Millionen. Eine neue Untersuchung von forsa zeigt nun, wer wieder so misst wie die BZgA, findet keine Explosion der Glücksspielsucht.
Mit der Zahl von 1,3 Millionen Menschen in Deutschland mit Glücksspielstörung wurde 2023 der „Glücksspielatlas Deutschland“ öffentlich vorgestellt. Nach den Ergebnissen des damals zugrunde liegenden Glücksspiel-Surveys 2021 sollten 2,3 Prozent der Bevölkerung zwischen 18 und 70 Jahren von einer Glücksspielstörung betroffen sein. Unter denjenigen, die überhaupt Glücksspiel betrieben, entsprach das 7,5 Prozent.
Die Größenordnung alarmierte Politik, die Branche und die Wissenschaftler. Denn nur wenige Jahre zuvor hatte die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), die über viele Jahre das Glücksspielverhalten der Bevölkerung untersucht hatte, ein deutlich anderes Bild gezeichnet. In ihrer letzten Untersuchung aus dem Jahr 2019 wurden 0,39 Prozent der 16- bis 70-Jährigen als problematische und weitere 0,34 Prozent als wahrscheinlich pathologische Glücksspieler eingestuft. Zusammen entsprach das 0,73 Prozent der untersuchten Bevölkerung. Das sind hochgerechnet rund 429.000 Menschen.
2019 also rund 429.000 Betroffene und nur wenige Jahre später plötzlich rund 1,3 Millionen. Wer nur die beiden Zahlen einfach nebeneinanderstellt, für den ist die Schlussfolgerung klar: Die Zahl der Menschen mit Glücksspielproblemen hat sich innerhalb kürzester Zeit ungefähr verdreifacht. Doch die Schlussfolgerung ist nicht richtig, denn zwischen den beiden Untersuchungen wurde nicht nur die Zahl verändert, sondern die Methode.
Das ist bei der Interpretation der vorliegenden Daten von entscheidender Bedeutung.
Die BZgA hatte seit Jahren regelmäßig das Glücksspielverhalten in Deutschland untersucht. Die Erhebungen waren als langfristige Zeitreihe angelegt. 2019 wurden 11.503 Menschen im Alter von 16 bis 70 Jahren befragt. Die Interviews wurden telefonisch geführt und die Stichprobe über Festnetz- und Mobilfunknummern gezogen. Es wurde über Jahre ein einheitliches Instrument zur Erfassung problematischen Spielverhaltens verwendet - den South Oaks Gambling Screen (SOGS).
Das Entscheidende an einer solchen Zeitreihe ist ihre Vergleichbarkeit. Wenn dieselbe Methode über Jahre angewandt wird, können Veränderungen über die Zeit beobachtet werden. Schwankungen sind möglich, einzelne Jahre können auffällig sein. Aber grundsätzlich misst man immer dasselbe Phänomen mit demselben Instrument.
Dann kam 2021 der methodische Neustart. Die langjährige Zeitreihe wurde beendet und im Jahr 2021 wurde das Studiendesign verändert. Der neue Glücksspiel-Survey kombinierte telefonische Interviews mit Onlinebefragungen. Gleichzeitig wurde für Erwachsene ein anderes Instrument zur Erfassung glücksspielbezogener Störungen eingesetzt. Nicht mehr SOGS, sondern die Kriterien des DSM-5 wurden herangezogen. Das ist das offizielle Klassifikationssystem für psychische Erkrankungen, das von der American Psychiatric Association (APA) herausgegeben wird.
Die Ergebnisse sind allerdings nicht mehr ohne Weiteres mit der alten Zeitreihe vergleichbar. Inzwischen weist auch die Gemeinsame Glücksspielbehörde der Länder (GGL) darauf hin, dass sich die Studien ab 2021 methodisch von den vorherigen BZgA-Untersuchungen unterscheiden und deshalb nur eingeschränkt mit den früheren Ergebnissen vergleichbar sind.
Deshalb stellt sich auch die entscheidende Frage, ob man aus dem Sprung von 0,73 auf 2,3 Prozent tatsächlich schließen kann, dass die Glücksspielsucht in Deutschland innerhalb weniger Jahre so explodiert ist.
Der Glücksspiel-Survey 2021 kam auf 2,3 Prozent der 18- bis 70-Jährigen mit einer Glücksspielstörung nach DSM-5. Der Glücksspielatlas machte daraus die eingängige Zahl von 1,3 Millionen Menschen. Diese Zahl ist zwar nicht erfunden, stammt aus einer realen Untersuchung und basiert auf einer definierten wissenschaftlichen Methode. Das Problem ist aber, dass die beiden Zahlen nicht vergleichbar sind.
Die neue Untersuchung, der Glücksspiel-Survey 2026, wurde von forsa erstellt und umfasst wie früher erneut 11.500 Befragte zwischen 16 und 70 Jahren. Die Befragung erfolgte zwischen Ende März und Ende Mai 2026. Der Survey 2026 wurde von der VDAI Verlags- und Veranstaltungsgesellschaft mbH beauftragt. Hinter dem Auftraggeber steht damit ein Verband beziehungsweise ein Umfeld der Glücksspielwirtschaft.
Vor allem aber wurde wieder auf die Methodik zurückgegriffen, die der alten BZgA-Zeitreihe zugrunde lag, computergestützte Telefoninterviews, eine Kombination aus Festnetz und Mobilfunk und auch der SOGS. Das Ergebnis ist bemerkenswert unspektakulär.
Der neue Survey weist für 2026 einen Anteil von 0,40 Prozent problematischem und 0,25 Prozent wahrscheinlich pathologischem Glücksspiel in der Gesamtstichprobe aus, zusammen 0,65 Prozent. 2019 hatte die BZgA 0,39 Prozent problematisches und 0,34 Prozent wahrscheinlich pathologisches Glücksspiel festgestellt, zusammen 0,73 Prozent.
Die Werte liegen damit praktisch in derselben Größenordnung. Von einer Verdreifachung ist nichts zu sehen.
| Erhebung | Problematisch | Wahrscheinlich pathologisch | Zusammen |
|---|---|---|---|
BZgA 2019 |
0,39 Prozent |
0,34 Prozent |
0,73 Prozent |
forsa 2024 |
0,37 Prozent |
0,28 Prozent |
0,65 Prozent |
forsa 2026 |
0,40 Prozent |
0,25 Prozent |
0,65 Prozent |
Die Ergebnisse zeigen bei Anwendung der SOGS-Klassifikation keinen deutlichen Anstieg.
Noch deutlicher wird das Ergebnis bei denjenigen, die tatsächlich am Glücksspiel teilgenommen haben. 2026 werden unter den Glücksspielern 0,97 Prozent als problematisch und 0,61 Prozent als wahrscheinlich pathologisch eingestuft, zusammen 1,58 Prozent. 2019 waren es 1,05 Prozent beziehungsweise 0,92 Prozent, zusammen 1,97 Prozent.
Das Ergebnis lässt den Schluss zu, dass, wer mit der alten Methode misst, im Jahr 2026 keine Verdreifachung der Glücksspielprobleme findet.
Der neue Survey beschränkt sich nicht auf den Vergleich zwischen 2019 und 2026. Er stellt die mit dem SOGS erhobenen Werte über einen längeren Zeitraum gegenüber. Und diese Zeitreihe sieht keine stetig wachsende Spielsucht.
2026 geben 42 Prozent der Befragten an, in den vergangenen zwölf Monaten mindestens einmal am Glücksspiel teilgenommen zu haben. 2019 waren es 37,7 Prozent.
Die Glücksspielteilnahme ist also gestiegen und trotzdem findet sich bei Anwendung der SOGS-Methode kein entsprechender Anstieg des problematischen oder wahrscheinlich pathologischen Spielens. Eine höhere Glücksspielteilnahme führt offenbar nicht automatisch zu einer proportionalen Zunahme von Glücksspielstörungen.
Natürlich gibt es Glücksspielstörungen. Menschen können die Kontrolle über ihr Spielverhalten verlieren. Sie können sich verschulden, ihre Familien belasten und erhebliche psychische und soziale Probleme entwickeln. Spielerschutz ist deshalb notwendig. Das sagt auch die Branche selbst.
Nach der SOGS-Klassifikation gelten 0,40 Prozent der Befragten als problematische und 0,25 Prozent als wahrscheinlich pathologische Glücksspielende. Zusammen entspricht dies 0,65 Prozent. Der Wert liegt damit in einer ähnlichen Größenordnung wie 2019.
Nein. Die Zahl basiert auf dem Glücksspiel-Survey 2021 und der dort verwendeten DSM-5-Systematik. Sie ist jedoch nicht unmittelbar mit den rund 429.000 Menschen aus der BZgA-Untersuchung von 2019 vergleichbar, weil sich Erhebungsmethode und Messinstrument geändert haben.
Bis 2019 wurden telefonische Befragungen und der SOGS verwendet. Ab 2021 kombinierte der Glücksspiel-Survey Telefon- und Onlinebefragungen und verwendete für Erwachsene die DSM-5-Kriterien zur Erfassung einer Glücksspielstörung.
Innerhalb der DSM-5-Reihe ist keine deutliche Zunahme erkennbar. Die Werte lagen 2021 bei 2,3 Prozent, 2023 bei 2,4 Prozent und 2025 bei 2,2 Prozent.
Auftraggeber war die VDAI Verlags- und Veranstaltungsgesellschaft mbH. Durchgeführt wurde die repräsentative Befragung von forsa.
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