10. Juni 2026
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Rasmus Kjaergaard im Interview - Neurowissenschaft, KI und Spielerschutz

Wie lassen sich gefährdete Spieler erkennen, noch bevor sie in die Sucht abrutschen? Mindway-CEO Rasmus Kjaergaard erklärt im Interview, wie KI und Neurowissenschaft den Spielerschutz revolutionieren.

Rasmus Kjaergaard im Interview - Technologische Innovation und Spielerschutz

Mindway-CEO Rasmus Kjaergaard

Mindway AI, ein dänisches Start-up für KI-gestützten Spielerschutz, hat sich in wenigen Jahren vom akademischen Projekt zum weltweit führenden Anbieter entwickelt. CEO Rasmus Kjaergaard, Technologie-Manager mit über 20 Jahren Führungserfahrung, hat das Unternehmen seit 2019 maßgeblich ausgebaut und global erfolgreich gemacht. Auf der Gaming in Germany Conference 2025 gab er einen Vortrag über verantwortungsvolles Spielen und innovative Schutzkonzepte. Im Interview spricht Kjaergaard über seinen persönlichen Werdegang und wie Neurowissenschaft und KI bei Mindway AI Hand in Hand gehen. Außerdem schildert er die Herausforderungen bei der globalen Skalierung solcher Systeme und verrät, welche neuen Tools in den nächsten Monaten auf die Glücksspielbranche zukommen.

Herr Kjaergaard, könnten Sie uns zunächst Ihren persönlichen Werdegang im Bereich Spielerschutz schildern – was hat Sie motiviert, sich bei Mindway AI auf dieses Gebiet zu fokussieren?

Mindway AI entstand als Ausgründung der Universität Aarhus in Dänemark, initiiert von Professor Kim Mouridsen. Anfangs nutzte er menschliche Experten, um KI-Algorithmen für medizinische Zwecke zu trainieren, etwa um Ärzten bei der Interpretation von Hirnscans bei Krankheiten wie Krebs oder Schlaganfall zu helfen. Später stellte sich die Frage, ob sich dieselbe Methodik auch einsetzen ließe, um problematisches Spielverhalten zu erkennen, und er arbeitete hierzu mit der pathologischen Glücksspielklinik des Universitätskrankenhauses zusammen. Daraus ging im April 2018 Mindway AI hervor. Ich stieß im Dezember 2019 zum Team, nachdem Better Collective Mindway AI übernommen hatte; damals waren wir ein kleines Team von drei Leuten ohne Kunden und Produkte. Meine Aufgabe war es, diese akademische Ausgründung in ein florierendes Unternehmen zu verwandeln, was uns auch gelungen ist.

Mindway AI ist als Ableger der Universität Aarhus aus der akademischen Forschung hervorgegangen. Wie haben neurowissenschaftliche Erkenntnisse Ihre Produktentwicklung konkret beeinflusst?

Unsere Lösungen basieren auf Forschung und fortschrittlicher Gehirnscan-Technologie. Wir haben die biologischen Prozesse untersucht, die normalem und problematischem Spielverhalten zugrunde liegen, um daraus Innovationen abzuleiten. Bei der Entwicklung von GameScanner greifen wir auf Erkenntnisse aus der Neurowissenschaft, Neuroimaging (Gehirnbildgebung) und Suchtforschung zurück, um dessen Algorithmen und einzigartigen Ansatz kontinuierlich zu verbessern.

Anstatt uns allein auf statistische Modelle zu verlassen, ist GameScanner so konzipiert, dass das System die feinen Risikomerkmale lernt, die von Psychologen validiert wurden. Diese Experten begutachten umfassende Daten – vom Spielverlauf bis hin zu Transaktionshistorien und Mustern in der Kundenkommunikation – und bewerten das Spielerverhalten auf einer Skala von 0 bis 100. Eines der besonderen Ergebnisse von GameScanner ist dieser Risiko-Score, der die Spieler in fünf aufsteigende Risikostufen einteilt. In den niedrigsten Stufen löst das System vielleicht nur ein einfaches Pop-up oder ein Selbsthilfetool aus. Mit steigendem Score wird die Reaktion des Betreibers jedoch intensiver: von der direkten Ansprache des Spielers über Einzahlungslimits bis hin zur Vermittlung an Hilfsangebote. Diese fein abgestufte Eskalation spiegelt reales therapeutisches Vorgehen wider, sie ist so kalibriert, dass mit zunehmendem Risiko schrittweise von automatisierten Hinweisen auf gezielten menschlichen Kontakt umgestellt wird.

Technologien wie Künstliche Intelligenz (KI), maschinelles Lernen und Verhaltensanalysen werden oft als treibende Kräfte für Innovationen im Spielerschutz genannt. Welche davon halten Sie für am transformativsten – und wie grenzt sich Mindway AI in diesem Bereich ab?

Wir verfügen über ein Gremium hoch erfahrener Glücksspielsucht-Experten, Forscher und Psychologen, das akribisch Spielmuster analysiert und so fortlaufend die Algorithmen unseres GameScanner verbessert. Die Kombination aus maschinellem Lernen und menschlicher Erfahrung ermöglicht nicht nur ein sehr umfassendes Profil jedes Spielers und erhöht die Präzision unserer Lösung, sondern erlaubt auch eine frühzeitigere Erkennung, Überwachung und Intervention.

Ihre Systeme überwachen weltweit Millionen aktive Spieler in Dutzenden von Rechtsgebieten. Welche Herausforderungen ergeben sich, wenn man solche Systeme skaliert – sowohl technisch als auch regulatorisch?

Ja, aktuell überwachen wir mit GameScanner 14,7 Millionen aktive Spieler pro Monat. Mit dem Fortschreiten der KI-Technologie entwickeln wir unsere Lösungen durch intensive Forschung und Entwicklung sowie technische Erweiterungen kontinuierlich weiter. Mindway AI setzt bewusst Schwerpunkte in Forschung und Innovation, um neue Technologien zu erkunden und unser Angebot zu optimieren. Darüber hinaus werden baldige Kooperationen mit KI-Spezialisten außerhalb der Glücksspielbranche neue Perspektiven einbringen und die Entwicklung weiter vorantreiben. All diese Anstrengungen stellen sicher, dass wir unsere Lösungen laufend verfeinern und an vorderster Front der KI-Entwicklung bleiben und zugleich die strengen regulatorischen Vorgaben jederzeit erfüllen.

Personalisierung spielt eine entscheidende Rolle – zum Beispiel durch individuelle Risiko-Scores oder intensitätsbasierte Warnhinweise. Wie findet Mindway AI das richtige Gleichgewicht zwischen Automatisierung und notwendigem menschlichem bzw. ethischem Augenmaß?

Mindway AI erreicht den richtigen Ausgleich zwischen Automatisierung und menschlichem Urteilsvermögen durch unser GameScanner-Analytics-Dashboard, das den Betreibern einen umfassenden Überblick über die Risikoprofile ihrer Kunden bietet. Indem wir die von Experten sorgfältig bewerteten Daten nutzen, lernen die Algorithmen von GameScanner, zwischen normalem und suchtgefährdetem Spielverhalten zu unterscheiden. Dieser Ansatz der erklärbaren KI stellt sicher, dass Betreiber verstehen, warum bestimmte Spieler als riskant eingestuft werden, was zu einer zielgerichteten, personalisierten Ansprache führt.

Unsere Lösung ist äußerst präzise und erkennt mindestens 87 % der gefährdeten und problematischen Spieler genauso, wie es ein menschlicher Experte tun würde. Die Einbindung eines erfahrenen Expertengremiums gewährleistet, dass menschliche Erkenntnisse den Algorithmus kontinuierlich verfeinern und unserer fortschrittlichen Software eine zusätzliche qualifizierte Ebene geben. Diese Kombination ermöglicht es den Betreibern, ethische Spielpraktiken zu fördern, indem sie personalisierte, evidenzbasierte Interventionen anbieten und gleichzeitig die Effizienz der Automatisierung aufrechterhalten.

Das regulatorische Umfeld und der Datenschutz werden immer komplexer. Wie geht Mindway AI mit Themen wie Datenqualität, algorithmischer Voreingenommenheit (Bias) und Transparenz gegenüber Regulierungsbehörden um?

Daten sind für alles, was wir mit unserer GameScanner-Lösung tun, absolut entscheidend. Sie liefert den Betreibern detaillierte Einblicke in das Spielverhalten, um gefährdete und problematische Spieler aufzuspüren – aktuell insgesamt 14,7 Millionen aktive Spieler pro Monat weltweit. Allerdings sind Daten anders als man vermuten könnte nicht einfach von vornherein in nutzbarer Form vorhanden. Im Hintergrund ist viel Arbeit nötig, um die Datenintegration einzurichten, wenn wir GameScanner bei einem Kunden implementieren. Diese Fähigkeit mussten wir aufbauen, um unseren Kunden ein noch besseres Nutzererlebnis zu bieten.

Spielerschutz ist auch ein zentraler Baustein der Geschäftsstrategie von Glücksspielanbietern. Wie überzeugen Sie Partner, über bloße Compliance hinauszugehen und wirklich innovative, proaktive Schutzmaßnahmen zu ergreifen?

Wir unterstreichen, dass Spielerschutz nicht bloß ein Abhaken von Vorschriften ist, sondern essenziell für langfristigen Geschäftserfolg. Indem wir mit Betreibern aller Größen in den 64 Rechtsgebieten zusammenarbeiten, in denen wir tätig sind, zeigen wir, wie proaktive Maßnahmen das Vertrauen und die Loyalität der Spieler stärken. Unsere Partner sehen den Spielerschutz bereits als Kernbestandteil ihres Geschäfts, und wir bestärken sie in dieser Sichtweise, indem wir bei Bedarf maßgeschneiderte Anleitung, Feinabstimmungen und Beratungsleistungen anbieten. Dieser kooperative Ansatz stellt sicher, dass Betreiber innovative Strategien umsetzen, die zu ihren individuellen Unternehmenszielen passen. So bleiben sie den Compliance-Anforderungen immer einen Schritt voraus und stellen gleichzeitig das Wohlergehen der Spieler in den Mittelpunkt.

Wenn Sie auf die nächsten 12–18 Monate blicken: Mit welchen Innovationen können wir von Mindway AI rechnen – stehen neue Interventionstools, Vorhersagemodelle oder Integrationen an?

Bis vor Kurzem lag unser Hauptaugenmerk auf Online-Glücksspielanbietern. Der Grund dafür war vor allem, dass landbasierte Casinos traditionell kaum elektronische Daten generieren, zumindest nicht in dem Umfang wie Online-Anbieter.

Im September haben wir jedoch eine Partnerschaft mit Crown Resorts angekündigt, um GameScanner in deren australischen Casinos einzuführen. Diese Zusammenarbeit markiert die bisher weltweit größte Implementierung unserer Technologie in einem landbasierten Umfeld und ist die erste Anwendung in Australien. Sie setzt einen neuen Branchenmaßstab und unterstreicht das Engagement von Crown für sicheres und nachhaltiges Glücksspiel.

Generell beobachten wir weltweit einen klaren Trend: Immer mehr Daten werden auch im landbasierten Bereich erfasst etwa durch Slotmaschinen-Plattformen oder Kundenkarten und dieses Datenvolumen nähert sich dem der Online-Anbieter an. Diese Informationen können von unserem GameScanner ähnlich analysiert werden wie Online-Daten. Wir sehen daher großes Potenzial für GameScanner bei klassischen Spielbanken und sogenannten Omnichannel-Betreibern, die sowohl online als auch offline agieren.

Ein weiterer spannender Entwicklungsbereich ist unser neues AML-Modul (Anti-Money Laundering, also Anti-Geldwäsche), das vollständig in unser Kernprodukt GameScanner integriert ist. Mit einem datengesteuerten Ansatz zur Überwachung von Transaktionen mittels Verhaltensanalyse können unsere Partner jetzt Fälle von Spielerschutz (RG, Responsible Gambling) und Geldwäscheverdacht auf ein und derselben Plattform bearbeiten. Wichtige Funktionen sind dabei dedizierte Analysen im GameScanner-Dashboard, das risikofreie Testen (Sandboxing) von Regelkonfigurationen sowie das automatische Auslösen von Warnmeldungen für verdächtige Fälle zur Überprüfung.

Aus Ihrer Perspektive: Wie werden sich die Erwartungen von Spielern, Regulierern und Betreibern in den kommenden Jahren entwickeln – und wie will Mindway AI dazu beitragen, diese Entwicklungen mitzugestalten?

In den kommenden Jahren werden Spieler, Regulierungsbehörden und Betreiber voraussichtlich noch mehr Transparenz, personalisierte Ansprache und robusten Spielerschutz in der Glücksspielbranche fordern. Spieler werden Angebote bevorzugen, die ihre Sicherheit in den Mittelpunkt stellen, während Regulierer strengere Maßnahmen für verantwortungsvolles Spielen durchsetzen. Betreiber wiederum werden Technologien einsetzen müssen, die diesen wachsenden Anforderungen gerecht werden.

Mindway AI ist hier Vorreiter. Wir stehen im aktiven Austausch mit Branchenakteuren und beschäftigen uns intensiv mit zukünftigen Trends, zum Beispiel in Form von Webinaren, wie dem im Januar anstehenden über Prognosen für den Spielerschutz 2026. Kürzlich haben wir gemeinsam mit VIXIO während der Safer Gambling Week in London ein Breakfast Briefing ausgerichtet, um genau solche Themen zu diskutieren. All diese Initiativen sorgen dafür, dass wir uns nicht nur auf Veränderungen einstellen, sondern die Entwicklung der Branche aktiv mitgestalten. So helfen wir allen Beteiligten, einen Schritt voraus zu sein und ein sichereres, nachhaltigeres Glücksspielumfeld zu schaffen.

Abschließend, wenn Sie einen Wunsch frei hätten – ob technologisch, regulatorisch oder gesellschaftlich: Was müsste geschehen, damit der Spielerschutz auf ein völlig neues Niveau gehoben wird?

Interessante Frage. Ich würde mir wünschen, dass die Glücksspielbranche die Möglichkeiten der Verhaltensanalyse viel stärker nutzt, um den Spielerschutz zu verbessern. Darauf aufbauend sollten Regelungen geschaffen werden, die auf Belegen und Forschungsergebnissen zum Spielerschutz fußen, statt auf politischen Kompromissen, die ohne solchen wissenschaftlichen Nachweis getroffen werden.

Vielen Dank für Ihre Einblicke, Herr Kjaergaard.

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