10. Juni 2026
Veröffentlicht am

Sportwetten zwischen Werbung, Regulierung und Realität - Warum die Whitelist bislang kaum greift

Die Whitelist soll legale Sportwettenangebote sichtbar machen, erreicht viele Spieler aber kaum. Zwischen GGL, Branche und Forschung zeigt sich ein Grundkonflikt um Werbung, Kanalisierung und mögliche neue Instrumente wie eine Blacklist.

Legale oder illegale Anbieter? Im Sportwettenmarkt soll die Whitelist Orientierung geben, doch ihre praktische Wirkung bleibt umstritten. Die Forderung nach einer Blacklist steht im Raum.

Sportwetten sind längst ein fester Bestandteil der Sport- und Medienwelt. Ob Bundesliga, Champions League oder internationale Top-Events – die Präsenz von Wettanbietern ist allgegenwärtig. Für viele Fans gehört sie inzwischen selbstverständlich zum Sporterlebnis dazu. Doch genau hier beginnt ein zentrales Problem der Regulierung: Während legale und illegale Angebote parallel um Aufmerksamkeit konkurrieren, fällt es vielen Nutzern schwer, zuverlässig zwischen beiden zu unterscheiden.

Eigentlich sollte die amtliche sogenannte Whitelist der Gemeinsamen Glücksspielbehörde der Länder (GGL) für Klarheit sorgen. Sie listet alle Anbieter mit deutscher Lizenz auf und soll Transparenz schaffen. In der Praxis jedoch zeigt sich, dass ihre Wirkung sehr begrenzt bleibt und ihre Wirksamkeit höchst umstritten ist. Genau daran entzündet sich eine kontroverse Debatte zwischen Aufsicht, Branche und Forschung.

Die GGL selbst weist die Kritik an der Wirksamkeit einzelner ihrer Instrumente zurück und schließt dabei auch die Whitelist ein. Man nehme die Diskussion „zum Anlass, nicht jede Einzelhypothese isoliert zu kommentieren, sondern den regulatorischen Rahmen insgesamt einzuordnen“, teilte sie auf Anfrage der GlücksWirtschaft mit.

Aus Sicht der Behörde erfüllt die Regulierung einen klaren öffentlichen Auftrag, nämlich „den Schutz der Spielerinnen und Spieler, die Kanalisierung des Glücksspielangebots in legale Strukturen sowie die konsequente Bekämpfung illegaler Angebote“. Die Whitelist sei dabei ein wichtiges Transparenzinstrument, aber eben auch nur ein Baustein unter vielen.

So verweist die GGL darauf, dass Maßnahmen wie Untersagungsverfügungen, Netzsperren oder Zahlungsunterbindungen ebenso zum Instrumentarium gehören wie internationale Kooperationen. Entscheidend sei das Gesamtpaket: „Zentrale Instrumente wie die amtliche Whitelist, Werberegelungen sowie die Marktaufsicht wirken dabei nicht einzeln, sondern im Zusammenspiel.“

Gleichzeitig macht die Behörde deutlich, dass Sichtbarkeit nicht um jeden Preis angestrebt wird. Im Gegenteil: „Die Regulierung verfolgt ausdrücklich keinen Ansatz maximaler Marktpräsenz legaler Anbieter, sondern eine risikoorientierte Begrenzung von Anreizen.“ Werbung und Reichweite werden also bewusst begrenzt, um Spielerschutz zu gewährleisten. Dass illegale Anbieter über internationale Plattformen weiterhin präsent sind, wertet die Behörde nicht als Schwäche, sondern als strukturelle Herausforderung der digitalen Welt. Man wolle nicht durch eine Anpassung an rechtswidrige Geschäftsmodelle in einen Wettbewerb mit dem Schwarzmarkt treten.

Die Kritik der Branche

Genau dort setzt denn auch die Kritik der Branche an. Für den Deutschen Sportwettenverband (DSWV) ist die begrenzte Sichtbarkeit legaler Anbieter ein Kernproblem. Für den Verband bietet die Whitelist allein keine ausreichende Lösung.

DSWV-Hauptgeschäftsführer Luka Andric bringt es für die GlücksWirtschaft auf den Punkt: „Die sogenannte Whitelist der Gemeinsamen Glücksspielbehörde der Länder ist ein wichtiges Instrument, um legale von illegalen Angeboten zu unterscheiden - sie ist aber nicht das einzige und in der Praxis auch nicht das wirksamste Mittel, um Spieler zu erreichen.“

Stattdessen sieht der Verband die entscheidende Orientierung dort, wo Nutzer sich tatsächlich bewegen, nämlich im Sportumfeld selbst. Werbung, Sponsoring und mediale Präsenz seien die eigentlichen Signale, an denen sich Verbraucher orientieren. Der Branchenverband sieht mehr Sichtbarkeit und Werbung als das entscheidende Orientierungssignal für Kunden. „Nur legale Anbieter dürfen im Umfeld großer Sportereignisse wie der Bundesliga oder der Champions League werben“, so Andric. „Wer sichtbar im regulierten Sportumfeld auftritt, ist legal - das ist eine einfache und wirksame Orientierungshilfe.“ mehr Sichtbarkeit und sieht Werbung als das entscheidende Orientierungssignal für Kunden.

Die Whitelist wird aus dieser Perspektive eher als ergänzendes Instrument verstanden, dessen Reichweite durch zusätzliche Maßnahmen gesteigert werden soll, so etwa durch Hinweise in Werbung oder durch ein offizielles Erlaubnis-Logo. Ferner sei ein zusätzliches, auffälligeres Siegel in Planung, um die Sichtbarkeit weiter zu erhöhen.

Gleichzeitig kritisiert der DSWV regulatorische Einschränkungen, die aus seiner Sicht die Sichtbarkeit legaler Anbieter zusätzlich schwächen. So benennt Andric den Wettbewerbsvorteil ausländischer, illegaler Anbieter. „Illegale Anbieter werben mit internationalen Stars und bekannten Influencern, während die legalen Anbieter keine Bilder mit echten Spielern zeigen dürfen.“ Das sei „kontraproduktiv“, weil gerade prominente Persönlichkeiten Vertrauen schaffen und zur Orientierung beitragen könnten.

Während Aufsicht und Branche vor allem über die richtige Balance von Sichtbarkeit und Regulierung streiten, stellt der Bremer Suchtforscher Dr. Tobias Hayer die zugrunde liegende Annahme insgesamt infrage. Seine zentrale These lautet: Werbung ist kein geeignetes Mittel, um Spieler in den legalen Markt zu lenken. „Das Argument, die Spielbedürfnisse in der Bevölkerung über massive Werbeaktivitäten in legale Bahnen lenken zu wollen, läuft größtenteils ins Leere“, so Hayer im Interview gegenüber der GlücksWirtschaft.

Damit widerspricht er direkt der Argumentation des DSWV. Forschungsergebnisse zeigten, dass der gewünschte Kanalisierungseffekt „bestenfalls bedingt“ eintrete, für ihn auch nur unter Inkaufnahme „erheblicher Gesundheitsgefahren“. Werbung diene letztlich primär der Umsatzsteigerung, nicht der Aufklärung.

Auch die Rolle der Whitelist bewertet Hayer deutlich kritischer als die GGL. „Es ist davon auszugehen, dass die Website mit der Whitelist bislang in erster Linie Fachexpert*innen bekannt sein dürfte.“ Ihre Gestaltung und Nutzungssituation sprächen nicht die breite Masse an. „Ein gezielter Zugriff durch glücksspielaffine Personen ‚von außen‘ dürfte daher momentan eher selten vorkommen.“

Damit widerspricht er indirekt beiden anderen Perspektiven. Während die GGL die Whitelist als funktionierenden Teil eines Systems sieht und der DSWV ihre Bedeutung relativiert, stellt Hayer ihre tatsächliche Reichweite grundsätzlich infrage.

Gemeinsamer Nenner: Die Whitelist erreicht die Spieler nicht

Trotz unterschiedlicher Schlussfolgerungen zeigt sich ein bemerkenswerter Konsens: In der praktischen Nutzung spielt die Whitelist bislang nur eine untergeordnete Rolle. Für die GGL ist sie ein Baustein unter vielen - nicht als zentrales Alltagsinstrument gedacht. Für die Branche ist sie „nicht das wirksamste Mittel“ und für die Forscher ist sie faktisch kaum sichtbar.

Gerade im dynamischen Umfeld von Sportwetten, das geprägt ist von Spontanität, Live-Ereignissen und digitaler Nutzung. Dort entfaltet ein statisches Verzeichnis wie die Whitelist nur begrenzte Wirkung.

Hayer fordert eine Blacklist

Hayer zieht daraus klare Konsequenzen. Statt stärker auf Werbung oder einzelne Instrumente zu setzen, fordert er eine grundlegende Neuausrichtung. „Um auf erlaubte Glücksspielangebote in risikoarmer Weise aufmerksam zu machen, ist die Umsetzung einer breiten Aufklärungskampagne vonnöten, die neutrale Sachinformationen vermittelt.“ Und diese müsse gezielt dort stattfinden, wo die Zielgruppe erreichbar ist, also durchaus im Sportumfeld und in digitalen Medien, für ihn allerdings ohne werbliche Anreize.

Zugleich plädiert er für konkrete Verbesserungen der bestehenden Instrumente. Die Whitelist solle benutzerfreundlicher, präsenter und technisch leichter zugänglich werden, so etwa durch direkte Weiterleitungen oder eine prominentere Platzierung.

Besonders weitreichend ist jedoch ein anderer Vorschlag durch den Bremer Forscher: „Zusätzlich wäre es eine Überlegung wert, […] auch auf eine Art ‚Blacklist‘ zu verweisen.“

Eine solche Liste könnte gezielt Anbieter ohne deutsche Lizenz benennen, die sich an den hiesigen Markt richten. In Kombination mit der Whitelist könnte so eine deutlich klarere Orientierung entstehen – nicht nur darüber, wer legal ist, sondern auch darüber, wer es nicht ist.

Die Debatte um die Whitelist offenbart ein grundlegendes Spannungsfeld im Sportwettenmarkt: Die GGL setzt auf ein ausgewogenes Gesamtsystem mit Fokus auf Spielerschutz. Die Branche fordert mehr Sichtbarkeit legaler Angebote und sieht Werbung als Schlüssel. Die Forschung zweifelt an genau dieser Logik und fordert stattdessen neutrale Aufklärung sowie neue Instrumente wie eine Blacklist.

Alle verbindet jedoch eine gemeinsame Erkenntnis. Die bisherige Praxis erreicht viele Spieler nicht. Gerade im emotionalen, schnellen Umfeld der Sportwetten fehlt eine klare, niedrigschwellige Orientierung.

Solange sich daran nichts ändert, bleibt der Schwarzmarkt ein realer Bestandteil des Systems. 

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