7. Oktober 2026

Studie: 71 % der Online-Glücksspielumsätze in der EU stammen vom Schwarzmarkt

In der EU entfielen im Jahr 2024 rund 71 % aller Online-Glücksspielerträge laut einer Studie von Yield Sec auf illegale Betreiber - Warnung vor einer Krise für die regulierte Glücksspielbranche

Die Nachrichtenagenturen Bloomberg und Reuters berichteten über die aktuelle Studie „EU 27 Europe: Online Gambling Marketplace 2024“ des Marktforschungsunternehmen Yield Sec. Dabei generierten nicht lizenzierte Online-Glücksspielanbieter 2024 knapp drei Viertel des gesamten Umsatzes im EU-Online-Glücksspielmarkt. Die Studie wurde durch die European Casino Association (ECA) in Auftrag gegeben. Konkret wurden etwa 80,6 Milliarden Euro – 71 % des geschätzten Gesamtmarkts von 114,3 Milliarden Euro – durch illegale Angebote umgesetzt. Demgegenüber standen nur 33,6 Milliarden Euro (29 %) an Brutto-Spielerträgen durch legale, regulierte Betreiber mit Lizenz und Steuerpflicht.

Diese Dominanz des Schwarzmarkts spiegelt sich laut Bloomberg und Reuters auch in der Sichtbarkeit und Nutzung illegaler Angebote wider. 92 % aller Online-Inhalte zum Thema Glücksspiel, die EU-Verbraucher im Jahr 2024 zu sehen bekamen, stammten von nicht lizenzierten Betreibern. Dies führte zu einer enormen Reichweite: 81 Millionen Europäer – rund 18 % der EU-Bevölkerung – nutzten 2024 illegale Online-Glücksspielangebote oder traten mit ihnen in Interaktion.

Die Yield Sec-Studie wirft einen Blick auf die Regionen Europas und zeigt, dass der Schwarzmarkt überall dominiert, jedoch mit unterschiedlicher Ausprägung:

  • Osteuropa: Hier war der Schwarzmarktanteil am höchsten – 82 % der Online-Glücksspielerlöse (von insgesamt 35,5 Mrd. € in der Region) stammen von illegalen Anbietern.

  • Westeuropa: 72 % der Online-Erträge (von 44,3 Mrd. €) entfielen auf unregulierte Plattformen ohne EU-Lizenz.

  • Südeuropa: Etwas geringer, aber immer noch mehr als die Hälfte – 58 % der Online-Umsätze kamen aus illegalem Glücksspiel.

  • Nordeuropa: Mit 55 % war auch in den nördlichen Mitgliedsländern mehr als die Hälfte des Online-Glücksspielmarktes unreguliert.

Milliardenschäden für Staat und legale Anbieter

Die Folgen dieser Entwicklung sind für die öffentlichen Finanzen wie auch für legale Unternehmen gravierend. Den Untersuchungen von Yield Sec zufolge gingen den EU-Staaten im Jahr 2024 schätzungsweise 20 Milliarden Euro an Steuereinnahmen verloren, weil ein Großteil des Glücksspielgeschehens im Verborgenen stattfand und keine Abgaben abwarf. Auch lizenzierte Anbieter verloren massiv Marktanteile an die Konkurrenz aus dem Graubereich.

Das Verhältnis verdeutlicht die Schieflage: Auf jeden Euro Umsatz der regulierten Anbieter kamen rund 2,40 € Umsatz illegaler Konkurrenten. Diese Übermacht der Schattenwirtschaft erzeugt ein starkes Ungleichgewicht zu Lasten der legalen Branche. Branchenexperten sprechen angesichts dessen von einer existenziellen Krise für die regulierte Glücksspielindustrie, die sowohl Unternehmen als auch staatliche Einnahmen bedroht.

Gründe für den Boom illegaler Plattformen

Mehrere Faktoren haben laut Bloomberg und Reuters zum rasanten Aufstieg der illegalen Online-Glücksspielseiten beigetragen. Große Sportereignisse im Jahr 2024 – insbesondere die Fußball-Europameisterschaft und die Olympischen Spiele – boten fruchtbaren Boden für illegale Wett- und Casinoangebote. Viele nicht lizenzierte Webseiten lockten Nutzer mit Live-Übertragungen dieser Events ohne Genehmigung und aggressiver Werbung, etwa Bonusangeboten und Wettanreizen, die weit über den legal erlaubten Limits lagen.

Zugleich erlebte das Kryptogambling und der Prognosemarkt einen Aufschwung, was vor allem jüngere Nutzer in den unregulierten Sektor zog. Die Nutzung von Kryptowährungen ermöglichte anonyme Einsätze abseits des regulierten Zahlungsverkehrs. In Wettbörsen und sogenannten Prediction Markets konnten Wetten auf Ereignisse oft ohne Alterskontrolle oder Einsatzlimits abgegeben werden. Diese Trends befeuerten zusätzlich das Wachstum des illegalen Marktes so die Nachrichtenagenturen.

Taktiken der illegalen Anbieter

Illegale Glücksspielseiten bedienen sich ausgefeilter Methoden, um Spieler anzulocken und Vertrauen vorzutäuschen. Dazu zählen der Yield Sec-Studie nach unter anderem:

  • Irreführendes Marketing: Nicht lizenzierte Betreiber nutzen gefälschte positive Bewertungen und schmücken ihre Seiten mit nationalen Flaggen und Bank-Logos, um Seriosität und lokale Legitimität vorzugaukeln. Oft bieten sie Bonusversprechen in exorbitanter Höhe, die lizenzierte Anbieter aus rechtlichen Gründen nicht machen dürfen.

  • Soziale Medien & Influencer: Die Reichweite von TikTok, Twitch, Instagram und anderen Plattformen wird gezielt ausgenutzt, um – teils getarnt als harmlose Inhalte – für illegale Glücksspielangebote zu werben. Vereinzelt setzen Betreiber sogar auf Deepfake-Videos, in denen Prominente scheinbar für die Angebote werben, um ahnungslose Nutzer zu ködern.

  • Umgehung von Auflagen: Im Gegensatz zu lizenzierten Anbietern kennen die illegalen Seiten keine Compliance-Pflichten. Eine Registrierung ohne Alters- oder Identitätsprüfung ist dort oft in Sekunden möglich. Einzahlungs- und Einsatzlimits lassen sich willkürlich erhöhen oder existieren gar nicht. Zudem werden unterschiedliche Glücksspielprodukte (Sportwetten, Casino, Lotto etc.) plattformübergreifend angeboten – ohne die in regulierten Märkten üblichen Spielerschutzmaßnahmen wie z. B. Verlustlimits, Sperrlisten oder Hinweise auf Hilfsangebote bei Spielsucht.

Regulierung als Bumerang: Der „Jenga-Turm“-Effekt

Die Studie von Yield Sec beschreibt ein paradoxes Ungleichgewicht zwischen legalen und illegalen Anbietern, den sogenannten „Jenga-Turm-Effekt“. Je stärker Behörden und Gesetzgeber die Werbung, Einsatzlimits und Cross-Selling bei lizenzierten Glücksspielunternehmen reglementieren, desto mehr scheinen die unregulierten Konkurrenten davon zu profitieren. Illegale Plattformen unterlaufen gezielt die strengen Regeln – etwa Werbeverbote oder Limits – und nutzen die entstandene Lücke, um Spieler mit vermeintlich „freieren“ Angeboten anzuziehen. Stück für Stück wird so – sinnbildlich wie beim Spiel Jenga – der legale Markt geschwächt, während das illegale Gefüge immer weiter wächst.

Diese Entwicklung birgt erhebliche Gefahren für Verbraucher. Weil der Großteil der öffentlich sichtbaren Glücksspielinhalte von illegalen Seiten kommt, geraten immer mehr Kunden in Angebote ohne ausreichende Regulierung und Aufsicht. Die Risiken reichen von Betrugsfällen (etwa wenn Gewinne nicht ausgezahlt werden) über eine höhere Suchtgefahr durch fehlende Schutzmaßnahmen bis hin zu Datenmissbrauch und anderen kriminellen Machenschaften. Verbraucherschützer schlagen Alarm, dass Spieler auf dem Schwarzmarkt praktisch keinerlei Sicherheit haben.

Appell: Gemeinsamer Kampf gegen illegales Glücksspiel

Die Autoren der Studie betonen, dass allein strengere Regeln für legale Betreiber das Schwarzmarkt-Problem nicht lösen. Vielmehr sei eine konzertierte Aktion aller Beteiligten notwendig. Regierungen, Regulierungsbehörden und die Glücksspielbranche müssen laut Yield Sec eng zusammenarbeiten, um illegale Netzwerke aufzudecken und zu zerschlagen. Gefordert werden etwa bessere Überwachung, ein konsequenteres Vollstrecken von Sperren und Strafen sowie internationale Kooperation, um grenzüberschreitend operierende Anbieter zu stoppen.

Ohne solche Maßnahmen, so die Warnung, dürfte sich der Abwärtstrend für die regulierte Branche fortsetzen. Legale Anbieter verlieren weiter an Boden, und die öffentlichen Haushalte der EU-Mitgliedsländer müssten jährlich auf Milliardenbeträge an Steuern verzichten. Die Studie versteht sich daher als Weckruf an Politik und Industrie gleichermaßen, dem illegalen Glücksspiel entschieden entgegenzutreten, um die Integrität des Marktes zu schützen und Verbraucher vor Schaden zu bewahren.

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