18. Februar 2026
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Britische Glücksspielkommission: Meta ignoriert illegale Casino-Werbung

Die britische Glücksspielaufsicht erhebt schwere Vorwürfe gegen Meta. Facebook und Instagram sollen illegale Casino-Werbung dulden und davon profitieren. Die Kritik aus Großbritannien deckt sich mit zahlreichen Meldungen, die das Geschäftsmodell hinter dem digitalen Schwarzmarkt seit Monaten beleuchten.

Britische Glücksspielkommission: Meta ignoriert illegale Casino-Werbung

Die britische Gambling Commission erhebt schwere Vorwürfe gegen Meta Platforms, den Mutterkonzern von Facebook und Instagram. Das Unternehmen soll illegale Werbung für Online-Casinos auf seinen Plattformen wissentlich ignorieren. Tim Miller, Exekutivdirektor der Behörde, sagte auf der ICE-Messe in Barcelona, praktisch jeder Nutzer habe beim Scrollen durch Facebook oder Instagram wohl schon Anzeigen für illegale Online-Casinos gesehen. Besonders brisant: Viele dieser beworbenen Glücksspielseiten sind nicht bei GamStop, dem britischen Selbstsperren-Programm, registriert und damit klar unlizenziert. Metas Behauptung, man habe von solchen Anzeigen nichts gewusst, sei “schlicht falsch”, so Miller. Es dränge sich der Eindruck auf, dass Meta “gerne ein Auge zudrückt” und weiter am Geld der Kriminellen verdient, solange keiner schreit.

Damit stellt sich für Meta die Frage: Auf wessen Seite stehen Sie?

Meta weist die Kritik zurück und betont, man habe strikte Werberichtlinien für Glücksspiele. Illegale Anzeigen würden umgehend entfernt, sobald sie identifiziert werden. Man arbeite eng mit der Aufsicht zusammen und verbessere fortlaufend die automatischen Erkennungswerkzeuge, so ein Firmensprecher. Miller hält dagegen: Metas eigene Werbebibliothek zeige offen Betreiber, die “Not on GamStop” als Merkmal ausweisen, wenn die Behörde diese finde, könne Meta das auch, erklärte er. “Sie entscheiden sich schlicht, nicht hinzuschauen”, so Millers Vorwurf.

Milliardengeschäft mit illegaler Werbung

Die neuen Enthüllungen aus Großbritannien passen zu internen Zahlen, die zuvor ans Licht kamen. Interne Meta-Dokumente zeigen, dass der Konzern erhebliche Umsätze mit betrügerischer Werbung erzielt, darunter auch illegales Online-Glücksspiel. Laut einer Reuters-Recherche blendeten Facebook, Instagram und WhatsApp im Jahr 2024 täglich geschätzt 15 Milliarden betrügerische Anzeigen ein. Interne Prognosen von Meta gingen davon aus, dass rund 10 % des Jahresumsatzes 2024, etwa 16 Mrd. US-Dollar, aus Werbung für Betrug und illegale Angebote stammen.

Ein großer Teil dieser Anzeigen bewirbt illegale Online-Casinos, wie Brancheninsider bestätigen. Christian Heins, Director iGaming beim Wettanbieter Tipico, bezeichnet im Gastbeitrag für die GlücksWirtschaft die Situation als beinahe „systematischen Rechtsbruch, vom Täter selbst fein säuberlich dokumentiert“, denn ausgerechnet Metas eigene Transparenzplattform (Ads Library) listet zehntausende illegale Glücksspiel-Kampagnen auf. Allein im Oktober 2025 ließen sich dort über 75.000 aktive Kampagnen nicht-lizenzierter Online-Casinos in Deutschland finden.

Für Meta erweist sich diese Flut an Fake-Werbung als äußerst lukrativ. Die Dimension des Problems lässt sich in Zahlen fassen:

  • ≈ 15 Mrd. betrügerische Werbeanzeigen pro Tag auf Meta-Plattformen

  • ≈ 16 Mrd. USD Jahresumsatz 2024 aus Scam-Werbung (ca. 10 % des Meta-Gesamtumsatzes)

  • > 75.000 illegale Glücksspiel-Anzeigen in einem Monat (Okt. 2025, allein in Deutschland)

Branchenkenner sehen darin ein handfestes Geschäftsmodell. Rechnet man die illegalen Anzeigen in Metas Geschäftszahlen ein, ergibt sich laut Heins ein Gewinnanteil von rund 6,2 Mrd. US-Dollar, den Meta 2024 mit fragwürdiger Werbung erzielt habe, „ein solides Geschäftsmodell“, so sein sarkastisches Fazit. Nach Heins’ Analyse verdient Meta mittlerweile nachweislich mehr Geld mit illegaler Glücksspielwerbung als mit legaler: Rund 250 Millionen Euro fließen in Deutschland pro Jahr in Anzeigen für Online-Casinos ohne Lizenz, mehr als die gesamte legale Branche hierzulande für Online-Glücksspielwerbung ausgibt.

Der Eindruck drängt sich auf, dass man lieber wegschaut und weiter Geld von Kriminellen und Betrügern annimmt, bis jemand laut protestiert.

Trotz dieser offenkundigen Rechtsverstöße scheint Meta kaum entschlossen gegenzusteuern. Beschwerden und Hinweise auf illegale Anzeigen verpuffen meist wirkungslos; anstelle konkreter Gegenmaßnahmen gebe es vom Konzern nur freundliche Vertröstungen, berichtet Heins aus Erfahrung. Tipico etwa habe Meta bereits im April 2025 die Flut illegaler Casino-Werbung detailliert vor Augen geführt und in den sechs Monaten danach fünfmal nachgehakt – ohne jedes Ergebnis. Angesichts der Millionen-Erlöse mit den fragwürdigen Anzeigen drängt sich der Verdacht auf, dass dies Methode hat. Reuters-Recherchen untermauern diesen Eindruck: Meta sperrt dubiose Werbekunden erst, wenn ein automatisches System eine Betrugswahrscheinlichkeit von über 95 % errechnet, liegt sie darunter, dürfen die Anzeigen weiterlaufen, lediglich zu höheren Anzeigenpreisen für die verdächtigen Kunden. Die Plattform verdient also sogar noch an Werbung, die sie selbst für wahrscheinlich unseriös hält.

Casino Baden-Baden warnt vor Fake-Angeboten

Wie sich die Betrugsmaschen in der Praxis auswirken, zeigt unter anderem das Beispiel Casino Baden-Baden. Immer wieder schalten Betrüger im Netz falsche Anzeigen, in denen sie sich als bekannte Casinos oder Vereine ausgeben, um Vertrauen zu erschleichen. So kursierte etwa eine Facebook-Anzeige, die im Namen des traditionsreichen Casino Baden-Baden für Online-Roulette mit 500 € Willkommensbonus warb, obwohl das echte Casino überhaupt kein Online-Glücksspiel anbietet. Auf der offiziellen Website prangt seit Wochen ein roter Warnhinweis vor Fake-Accounts mit der eindringlichen Bitte: „Überweisen Sie unter keinen Umständen Geld an diese Accounts.“ Auch der Fußballverein Karlsruher SC wurde als Lockvogel missbraucht: Betrüger warben mit angeblich stark rabattierten Fan-Hoodies und erzeugten künstliche Knappheit („nur 24 Stück auf Lager“), obwohl der Klub mit dem Angebot nichts zu tun hatte. Wer auf solche Fake-Angebote hereinfällt, verliert am Ende oft direkt Geld an die Kriminellen.

Beim Casino Baden-Baden selbst häuften sich seit 2023 Anfragen von Nutzern, die auf vermeintliche Online-Angebote hereingefallen waren. Als Reaktion veröffentlichte das Casino unübersehbare Warnungen vor den Fake-Accounts und suchte den Dialog mit Meta, doch noch immer tauchen täglich neue Fake-Anzeigen mit ihrem Namen auf. Laut Casino-Sprecherin Ute Fuchs sind nach ihrem Kenntnisstand bereits mindestens zwei Personen durch die Facebook-Betrügereien um Geld gebracht worden. Baden-Baden ist kein Einzelfall: „Viele Spielbanken“ seien von ähnlichen Maschen betroffen, so Fuchs; innerhalb der Branche finde ein intensiver Austausch dazu statt.

Einige europäische Casino-Betreiber wehren sich inzwischen juristisch. In Frankreich erstritt etwa der Barrière-Konzern, der mehrere Spielbanken betreibt, vor Gericht, dass Meta illegale Casino-Werbung gezielt filtern und unterbinden muss. Meta legte zwar Berufung ein, wurde aber erneut in die Pflicht genommen. Angesichts solcher Präzedenzfälle bereiten nun auch deutsche Spielbanken rechtliche Schritte gegen Meta vor, kündigt Fuchs an. Die bisherigen Recherchen legen nahe, dass Meta zwar automatisierte Tools einsetzt, um Betrugsanzeigen aufzuspüren, die Bemühungen aber begrenzt bleiben, schließlich generiert der Konzern Milliardenerlöse mit solchen Anzeigen.

Regulierer erhöhen den Druck

Auch die deutschen Aufsichtsbehörden versuchen gegenzusteuern. Unerlaubte Werbung für illegale Casinos oder nicht-lizenzierte Sportwetten ist in Deutschland verboten, und die Landesmedienanstalten gehen gegen entsprechende Spots und Sponsoring-Auftritte vor und können Bußgelder verhängen. Zudem schaltet sich die Wettbewerbszentrale – die Selbstkontrollinstanz der Wirtschaft – ein, wenn Unternehmen unlautere Werbung oder verbotene Angebote verbreiten. Sie unterstützt etwa die Gemeinsame Glücksspielbehörde der Länder (GGL) und andere Behörden, indem sie irreführende Marketingpraktiken und unerlaubte Glücksspielwerbung bekämpft. Allerdings gleicht der Kampf einem Katz-und-Maus-Spiel, solange Anzeigenplattformen wie Meta nicht proaktiver filtern.

International wächst der Druck auf Meta. In Großbritannien fand sogar die Finanzaufsicht heraus, dass Metas Produkte in über der Hälfte aller Betrugsfälle mit Zahlungsbezug involviert sind. Und die US-Börsenaufsicht SEC ermittelt wegen betrügerischer Finanzanzeigen auf Facebook. Beobachter vergleichen: Was bei Banken undenkbar wäre. am Betrug mitzuverdienen, darf auch in der Tech-Branche nicht toleriert werden. Entsprechend mehren sich Forderungen nach schärferen Kontrollen. In einem Bericht der Frankfurter Allgemeinen Zeitung warnte Tipico-Manager Heins, auf Meta liefen Anzeigen illegaler Anbieter „nahezu ungefiltert“ durch. Er monierte auch, die Strafen seien viel zu niedrig: 50.000 € Bußgeld seien weniger als der Tagesumsatz eines kleinen Schwarzmarkt-Casinos. Um wirksam abzuschrecken, müssten die Bußgelder im Millionenbereich liegen. Zudem seien Kunden auf dem Schwarzmarkt für Anbieter drei- bis viermal so viel wert wie legale Spieler, da dort keine Limits und Schutzvorschriften gelten, ein Anreiz, den illegalen Markt aggressiv zu bewerben.

Dabei zeigt ein Blick auf andere Tech-Giganten, dass es auch anders geht. Google etwa hat in Deutschland im Laufe des Jahres 2025 seine Pay-per-Click-Werbung für Schwarzmarktprodukte um 99 % reduziert. “Es geht also, wenn man möchte – oder zumindest, wenn der Druck groß genug ist,” kommentiert Heins diese Entwicklung. Meta hingegen hat hier noch Nachholbedarf. Der Konzern scheint bislang zögerlich, vielleicht braucht es einfach mehr Zeit oder deutlicheren behördlichen und öffentlichen Druck, um zu erkennen, dass Beihilfe zum Schwarzmarkt kein nachhaltiges Geschäftsmodell sein kann. Schließlich dürfte die Thematik auch die Anleger beunruhigen: Meta investiert Milliarden in Zukunftsprojekte wie Künstliche Intelligenz, finanziert durch sprudelnde Werbeerlöse, doch ein nicht unerheblicher Teil dieses Werbegeschäfts stammt aus fragwürdigen Quellen.

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